[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] 1. FC Köln - gelingt Solbakken der Umbruch?
31. Juli 2011, 10:20 geschrieben von tofu87, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Heute blicken wir in der MAG-Bundesligavorschau zum Geißbockheim: 13 Trainer hatte der 1. FC Köln in den letzten zehn Jahren – Konstanz sieht anders aus. Ståle Solbakken will das ändern, mit neuer Taktik und neuem Kapitän soll der Effzeh diese Saison den Abstiegsgefilden fernbleiben. Gelingt das dem norwegischen Trainer, oder muss er wie seine Vorgänger vorzeitig die Segel streichen?
1. FC Köln
Katastrophensaison mit versöhnlichem Ende
Platz 10, 44 Punkte und acht Punkte Abstand zum Relegationsplatz – rein von den nackten Zahlen her war die abgelaufene Saison für den 1. FC Köln im Rahmen der Möglichkeiten eine gute. Bloß war der Aufwand wieder einmal um einiges größer. Schon nach kurzer Zeit hing der Haussegen am Geißbockheim total schief. Trainer Zvonimir Soldo musste nach neun Spieltagen seinen Hut nehmen und wurde durch FC-Urgestein Frank Schaefer ersetzt. Nach anfänglichen Startproblemen unter der neuen Führung fing die Mannschaft sich allmählich, verbesserte sich bis zum Hinrundenende auf Platz 16 und startete in der Rückrunde ihre erfolgreiche Aufholjagd. Unter den Augen des neuen Sportdirektors Volker Finke, der den im November beurlaubten Michael Meier beerbte, wurden sechs Heimspiele in Folge gewonnen, bei denen unter anderem Bayern München (3:2) sowie die Überraschungsmannschaften aus Hannover (4:0) und Mainz (4:2) mit lange vermisster Leidenschaft und Einsatzwillen abgefertigt wurden.
Im krassen Gegensatz dazu standen allerdings die leblosen und entmutigenden Auswärtsauftritte – 0:3 bei St. Pauli, 2:6 beim HSV und der traurige Höhepunkt, das 1:5-Debakel in Mönchengladbach. Nach der Derbypleite folgten zwei weitere Niederlagen gegen Stuttgart (1:3) und Wolfsburg (1:4), die Köln am 31. Spieltag wieder in Reichweite der Abstiegsplätze spülten. Frank Schaefer zog die Konsequenzen und stellte den Cheftrainerposten zur Verfügung. Ironischerweise übernahm Volker Finke interimsmäßig den Platz auf der Bank – war er es laut der allgemeinen Mediendarstellung doch gewesen, der Schaefer seit Wochen das Leben schwer gemacht hat und munter versuchte, den gebürtigen Kölner aus dem Amt zu ekeln. Egal, wie man dazu stehen mag, der Erfolg sprach für Finke. Unter seiner Führung wurden die drei letzten Begegnungen allesamt gewonnen und eine katastrophale Saison doch noch zufriedenstellend und mit dem besten Ergebnis seit 2001 beendet. Darauf konnte sich vor allem im Hinblick auf die jüngere Vergangenheit allerdings nicht ausgeruht werden, weswegen der begonnene Umbruch weiter durchgezogen werden musste.
Personalien
Die größten Einschnitte gab es wie zu erwarten im Lizenspielerbereich, die aber mehr die zweite Reihe betrafen. Ein großes Problem des Effzeh war in den letzten Jahren immer wieder der aufgeblähte Kader gewesen, der allzu oft Unzufriedenheit und interne Streitigkeiten heraufbeschwor. Zudem bekamen hoffnungsvolle Talente wie Reinhold Yabo oder Taner Yalcin wenig bis gar keine Einsatzzeit, was nicht zuletzt der schwierigen sportlichen Situation geschuldet war. So entschloss sich die sportliche Führung, mehrere Spieler zu verleihen, um ihnen die Möglichkeit zur Weiterentwicklung zu geben und möglichst bald auch eine Alternative für den 1. FC Köln darzustellen. Große Abgänge sind nicht zu verzeichnen, sollten allerdings noch Angebote für Besserverdiener wie Kevin McKenna oder, was schon einem Wunder gleich käme, Manasseh Ishiaku hereinkommen, wäre für Finke & Co. wohl nicht lange Zeit zum Überlegen nötig.

Mato Jajalo (l.) bleibt Köln erhalten, Petit (r.) fehlt mindestens ein halbes Jahr verletzt /Foto: www.zaunsturm1905.de
Am Wichtigsten für die weitere sportliche Konsolidierung war der Erhalt aller Stammspieler, sogar Mato Jajalo konnte trotz knapper finanzieller Mittel nach der Leihe vom AC Siena fest verpflichtet werden. Hinzu kam Odise Roshi, der im Probetraining überzeugen konnte und direkt verpflichtet wurde. Der albanische U21-Nationalspieler, der letzte Saison in seiner heimischen Liga zum Talent der Saison gewählt wurde, gehört zu den Gewinnern der Vorbereitung und dürfte seine Chancen als Einwechselspieler erhalten. Der wichtigste Neuzugang war allerdings ein anderer, der auch schon in der deutschen Nationalmannschaft Länderspielluft schnuppern durfte. Sascha Riether verließ nach langem Tauziehen den ehemaligen deutschen Meister VfL Wolfsburg und folgte dem Ruf Volker Finkes, jedoch nicht nur aus reiner Verbundenheit zu seinem früheren Freiburger Trainer. Riether wurde eine zentrale Rolle im Kölner Spiel versprochen, die er auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld einnehmen darf, nur im absoluten Notfall wird auch mal ein Einsatz als rechter Verteidiger vonnöten sein.
Zu- und Abgänge
Zugänge: Odise Roshi (Flamurtari Vlore), Mato Jajalo (AC Siena, nach Leihe fest verpflichtet), Sascha Riether (VfL Wolfsburg), Timo Horn, Daniel Schwabke, Mark Uth (alle eigene Jugend)
Abgänge: Fabrice Ehret (Évian Thonon Gaillard FC), Michael Gardawski (VfL Osnabrück), Bienvenue Basala-Mazana (SV Ried, zur Leihe), Konstantinos Giannoulis (Atromitos Halkidona, zur Leihe), Thomas Kessler (Eintracht Frankfurt, zur Leihe), Stephan Salger (VfL Osnabrück, zur Leihe), Simon Terodde (1. FC Union Berlin, zur Leihe), José Pierre Vunguidica (Preußen Münster, zur Leihe), Reinhold Yabo (Alemannia Aachen, zur Leihe), Taner Yalcin (Istanbul BB, zur Leihe)
Es gab aber nicht nur bei den Spielern (wenn auch nur wenige) neue Gesichter zu bestaunen, auch im Trainerteam gab es größere Veränderungen, bei dem von der alten Besetzung alleine Torwarttrainer Alexander Bade übrig blieb. Neuer Cheftrainer ist Ståle Solbakken, der aus Kopenhagen seinen Co-Trainer Bård Wiggen mitbrachte und in Zukunft auch von Ibrahim Tanko und Patrick Weiser, der bisher die U16 trainierte, unterstützt wird. Die Trainerkarriere des neuen Kölner Coaches begann früher als geplant, seine aktive Karriere musste Solbakken 2001 nach einem Herzstillstand und dem Feststellen eines angeborenen Herzfehlers beim FC Kopenhagen beenden. Nur ein Jahr später gab er sein Debüt auf der Bank des norwegischen Klubs Hamarkameratene, bei dem der 59-malige norwegische Nationalspieler einen so guten Eindruck hinterließ, dass der FC Kopenhagen ihn 2006 als neuen Trainer verpflichtete. Es war eine erfolgreiche Zusammenarbeit, fünfmal wurden die Løverne in sechs Jahren Meister und gewannen einmal den dänischen Pokal. Der Höhepunkt war dann die letztjährige Champions-League-Saison, in der man in der Gruppenphase nicht nur Panathinaikos Athen und Rubin Kazan hinter sich ließ, sondern auch dem FC Barcelona ein Remis abtrotzen konnte. Im Achtelfinale war dann allerdings gegen Chelsea London Endstation (0:2/0:0), wobei man sich auch hier mehr als achtbar aus der Affäre zog.
Ståle Solbakken, der eigentlich schon als neuer norwegischer Nationaltrainer ab Januar 2012 vorgesehen war und sich dann doch für den Job bei den Rheinländern entschied, hat von Beginn an in Köln klare Vorstellungen, und setzt diese auch konsequent um. Auffällig ist die taktische Umstellung auf ein 4-4-2-System mit zwei flachen Viererketten, bei der die Abwehrreihe sehr hoch steht, um die Räume im Mittelfeld für den Gegner enger zu machen und noch mehr Druck zu erzeugen. Ein riskantes Unterfangen, da das System bei nicht optimaler Sicherung durch hohe Bälle in den Rücken der Abwehr oder Pässe in die Schnittstellen sehr schnell ausgehebelt werden kann – bei schnellen Gegenspielern bliebe nur noch die Hoffnung auf den Torwart. Der Härtetest gegen Arsenal London (1:2) demonstrierte diese Schwächen in einigen Situationen, wo die Spieler nicht hundertprozentig die Vorgaben erfüllten oder auch durch individuelle Fehler es den Gunners zu einfach machten. In der Offensive wiederum zeigte die Systemumstellung auch schon Wirkung – viele Ballgewinne und mehr Torchancen sind das Ergebnis, einzig die Torausbeute, ein Plus der letzten Saison, lässt noch zu wünschen übrig.

Pedro Geromel löst Lukas Podolski als Kapitän ab /Foto: www.zaunsturm1905.de
Im Gegensatz zu früheren Trainern legt Solbakken sehr viel Wert auf Taktiktraining, das aufgrund seiner Intensität Konditionsbolzen à la Magath augenscheinlich unnötig macht. Das für deutsche Verhältnisse untypische Training sorgte anfangs auch für einige Diskussionen, der Norweger hält seinen Weg für den richtigen. Seine Mannschaften seien immer fit gewesen, und beim FC Kopenhagen reichte es schließlich auch für die Champions League. Dass Solbakken auch nicht Halt vor unpopulären Entscheidungen macht, musste Lukas Podolski zu spüren bekommen. Der deutsche Nationalspieler musste sein Kapitänsamt abgeben, neuer Spielführer ist fortan Pedro Geromel, der von Sascha Riether vertreten wird. Und aus Solbakkens Sicht ergibt diese Wahl auch Sinn. Mit Geromel übernimmt ein Spieler die Aufgabe, der als Innenverteidiger im Zentrum des Geschehens steht , eine wichtige Rolle im taktischen Konzept einnimmt und wegen seiner hohen Spielintelligenz mitentscheidend ist, dass das System von der Mannschaft auf dem Platz wie vom Trainer gewünscht umgesetzt wird. Podolski ist von dem Standpunkt her nicht der Richtige für diese Rolle, und Solbakken traf somit rein objektiv gesehen die für ihn richtige Entscheidung. Doch der Bundesliga-Neuling bekam gleich zu spüren, welche negativen Auswirkungen so etwas in Köln haben kann…
Verein und Umfeld
Wie schwierig das Kölner Umfeld ist, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Dass der Boulevard um Bild und Express Solbakken allerdings schon innerhalb kürzester Zeit auf dem Kieker hat, ist schon bemerkenswert. Sei es der späte Einstieg in Köln (was von Beginn an abgesprochen war), die kürzeren Trainingseinheiten (die dafür umso intensiver sind) oder die Entmachtung Podolskis, aus allem wurden Negativschlagzeilen herausgeholt. Und das auch noch mit bedenklichem Erfolg: die überregionalen Medien sprangen auf die Geschichten an, und Teile der Fans verteufeln schon Solbakken und wünschen sich den Trainerrauswurf, ohne dass überhaupt ein Pflichtspiel bestritten wurde. Wie konnte sich dieser Mann auch erlauben, einen Lukas Podolski die Spielführerbinde abzunehmen, anstatt des Kölners liebstes Kind auf ein Podest zu heben und als unantastbar zu erklären? Hierbei wird ein weiteres Problem offensichtlich, das Volker Finke schon vor einiger Zeit thematisierte. Der 1. FC Köln braucht immer eine Art Messias – so schlüpfte Overath in diese Rolle, als er Präsident wurde, Christoph Daum erging es bei seiner Rückkehr auf die Trainerbank des FC nicht anders. Und der letzte Heilsbringer, der kam und von der ersten Sekunde direkt wieder vergöttert wurde, war Podolski. Alle drei standen bzw. stehen bei vielen FC-Fans für eine glorreiche Zukunft, die alleine durch ihre bloße Anwesenheit eintreten muss. Schlussendlich ist der Verein an diesem Umstand nicht ganz unschuldig, denn Daum wie auch Podolski wurden der Öffentlichkeit auch so verkauft. Ob sich nun mithilfe des Sportdirektors, der die Kölner von jenem Wunschdenken wegbringen möchte, diese Denke in naher Zukunft verschwindet, bleibt abzuwarten. Sollten Finke und Solbakken mit ihrem Weg Erfolg haben, wäre es zumindest nicht undenkbar.
Saisonprognose
Der 1. FC Köln konnte den Stamm der Mannschaft halten und mit der Verpflichtung Sascha Riethers sogar verstärken. Wozu die erste Elf in der Lage ist, deutete sie in der Rückrunde an, die der FC als Sechster abschloss. Das kann zwar nicht das Ziel sein, aber mit einer ähnlich starken Heimserie und stabileren Auftritten bei den Auswärtsspielen ist eine Saison im gesicherten Mittelfeld ohne Abstiegsängste möglich. Sollten allerdings wichtige Leistungsträger wie Rensing, Geromel, Podolski oder Novakovic mal längerfristig ausfallen, wären Probleme vorprogrammiert, da der Kader die Ausfälle qualitativ nicht abfangen könnte. Zudem muss die Mannschaft auch noch beweisen, dass sie in Pflichtspielen die neue Taktik und die Vorstellungen des Trainers umsetzen kann, da die Umstellung nicht leicht ist. Zumindest lässt die Vorbereitung hoffen, dass das Team auf einem guten Weg ist. Für Ståle Solbakken wäre das mehr als positiv, denn schnelle Erfolge sind schon fast überlebenswichtig – als Trainer hat man es in Köln grundsätzlich schon schwer, durch die Podolski/Kapitän-Geschichte wird ihn die Öffentlichkeit bei einem missratenen Saisonstart noch schneller anzählen. Den Rückhalt innerhalb des Vereins wird er nicht allzu schnell verlieren, alleine deswegen, weil Solbakken keine günstige Lösung war und für die klammen Domstädter eine vorzeitige Trennung eine Belastung wäre. In Zusammenarbeit mit Volker Finke hat Solbakken aber die Möglichkeit, einiges in Köln zu bewegen – und das auch hoffentlich länger als eine Saison.
Prognose: Platz 9-13
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