[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] Bayer 04 Leverkusen - Kampf dem Vizekusen!
1. August 2011, 10:09 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Mit der Werkself schlagen wir das nächste Kapitel in unserer Bundesligavorschau auf. Nach neun Jahren Abstinenz reichte es endlich mal wieder zum Gewinn des Vize-Titels für Vizekusen. Doch diese starke Saison soll nur ein Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft … äääh … zum lang ersehnten ersten Meistertitel sein.
Bayer 04 Leverkusen
Auswärtsstark in Serie
Zwei Stärken konnte Bayer Leverkusen in der abgelaufenen Saison in die Waagschale werfen. Man stellte die stärkste Auswärtself der gesamten Bundesliga, elf Siege und drei Unentschieden standen nur die Niederlagen in Nürnberg, München und Köln gegenüber. Die zweite Stärke lag darin, dass Bayer in schöner Regelmäßigkeit seine Punkte sammelte. Zwischen dem 10. und dem 17., sowie dem 22. und 29. Spieltag blieb die Elf von Jupp Heynckes jeweils acht Partien in Serie ohne Niederlage. Die Serie in der Rückrunde entwickelte sich sogar zu einem echten Siegeszug, nur am 24. Spieltag ließ man zwei Punkte im Weserstadion liegen (zum Glück hat Werder einen davon gefunden … ^^). Diese beiden Erfolgswellen waren der Grund dafür, dass Bayer sich nach dürftigem Beginn (nur fünf Punkte aus den ersten vier Partien, darunter zwar der Sieg am ersten Spieltag in Dortmund aber auch die direkt folgende, derbe 3:6 Heimklatsche im Derby gegen Gladbach) ab dem achten Spieltag auf den Champions League – Plätzen festbiss und diese nur am ersten Rückrundenspieltag bei der Niederlage gegen Herbstmeister Dortmund kurz verließ. Eine Woche später revanchierte man sich beim Rivalen vom Niederrhein für die Demütigung aus der Hinrunde, nahm Platz zwei in Beschlag und gab diesen bis zum Saisonende nicht mehr her.
Pokalfrust statt Ligalust
Die Gruppenphase in der Europa League meisterte man nach zwei Siegen gegen Rosenborg Trondheim, vier Punkten gegen Aris Saloniki und zwei Unentschieden gegen Atletico Madrid als Gruppensieger. Auch in der Zwischenrunde gab Leverkusen sich keine Blöße, nach dem 4:0-Hinspielsieg in Charkiw war das Rückspiel nur noch ein lockeres Schaulaufen – 2:0 hieß am Ende auch da für die Werkself. Doch schon eine Runde später war im Achtelfinale Schluss gegen den späteren Halbfinalisten FC Villareal. Im Hinspiel war Bayer fast über die gesamte Spielzeit die bessere Elf, Nilmar machte aber in den letzten zwanzig Minuten aus den einzigen beiden spanischen Kontern zwei Tore. Bayer verlor das Spiel und Arturo Vidal nach der dritten gelben Karte. Wohl auch deswegen zeigte der spanische Vertreter dem letzten im Wettbewerb verbliebenen Bundesligisten im Rückspiel schonungslos die Grenzen auf und triumphierte erneut.
Auch im deutschen Pokalwettbewerb verlief die Saison weit weniger erfolgreich als in der Liga. Die erste Hauptrunde war noch ein lockerer Aufgalopp für die eine Woche später startende Bundesligasaison, 11:1 deklassierte man den FK Pirmasens. Der Oberligist hielt die Partie sogar eine Halbzeit lang offen, zehn Bayer-Treffer fielen nach dem Pausentee. Die zweite Derbyniederlage in gut acht Wochen sorgte dann aber für ein jähres Ende der nationalen Pokalsaison. In Mönchengladbach reichte es nach torlosen 90 Minuten nur noch zu einem 1:1 nach Verlängerung, im Elfmeterschießen versagten Patrick Helmes die Nerven.
Personalien
Die größte Personalie ist sicher – trotz des Vidal-Verkaufs – die Installation von Robin Dutt als Nachfolger des zum FC Bayern gewechselten Jupp Heynckes. Der gebürtige Kölner wird eine andere Philosophie mitbringen als sein betagter Vorgänger (nicht despektierlich gemeint). Er gilt als akribischer, intensiver Arbeiter, der eine moderne und innovative Spielweise mitbringt. Dies stellte er als erster legitimer Nachfolger der Freiburger Legende Volker Finke unter Beweis, als er den Sportclub 2007 übernahm. Er führte die Breisgauer in seinem zweiten Jahr zur Zweitligameisterschaft, sicherte ein Jahr später am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt und sorgte letzte Saison für eine ruhige Spielzeit, die ohne jeglichen Kontakt zu den Abstiegsplätzen in der oberen Tabellenhälfte beendet wurde. In Leverkusen findet er völlig anderes Spielermaterial vor als im äußersten Südwesten der Republik, nicht zuletzt darf er mit einem Top-Star wie Michael Ballack arbeiten. Dies wird die Herausforderung sein, wie nimmt eine Mannschaft, die seit Jahren in der Bundesligaspitze mitspielt einen Trainer auf, der noch nicht wirklich viel erreicht hat. Liest man aber die Berichte über Dutt könnte man zu der Überzeugung kommen: Das passt!

Mit der Empfehlung als “legitimer Finke-Nachfolger” übernimmt Robin Dutt Champions League-Teilnehmer Bayer 04. Foto: zaunsturm1905.de
Zwei Abgänge reißen ein großes Loch in den Kader, der Robin Dutt zur Verfügung stehen wird. Sami Hyypiä beendete mit dem Abpfiff der Vorsaison seine ereignisreiche Karriere. Mit seiner Erfahrung wird der alte Finne sicher fehlen, doch stehen seine beiden potentiellen Nachfolger bereits im Kader. Manuel Friedrich und Stefan Reinartz dürften als Innenverteidigerduo vor René Adler erst mal gesetzt sein. Allerdings bringt Dutt mit Ömer Toprak einen Innenverteidiger aus Freiburg mit und beschreibt ihn als “schnell, beidfüssig und spielintelligent … alles, was ein Innenverteidiger braucht”. Das dürfte eine Ansage an die beiden Etablierten sein. Abgang Nummer zwei ist natürlich Arturo Vidal, der nach langem Transfer-Hickhack letztlich zu Juventus Turin wechselte. Die Lücke, die der Chilene ins defensive Mittelfeld der Werkself reißt, soll durch eigene Kräfte gestopft werden. Hier stehen Gonzalo Castro, Simon Rolfes, Lars Bender und Michael Ballack zur Disposition.
Kleiner, aber feiner Kader
Die Abwehr vor Stammkeeper Adler … ach halt … René Adler musste sich Mitte Juli einer Operation an der Patella-Sehne unterziehen und fällt erst mal aus. Es wird über eine Rückkehr Mitte September spekuliert. Bis dahin darf Neuzugang David Yelldell die Vertretung des Nationalkeepers übernehmen. Yelldell stand im Mai mit dem MSV Duisburg im Pokalfinale. Okay, die Abwehr vor Yelldell wird aller Voraussicht nach in der Innenverteidigung aus dem Duo Reinartz/Friedrich bestehen. Ömer Toprak gilt aber als ernsthafter Konkurrent und dürften den beiden Beine machen. Michal Kadlec ist die etablierte Kraft auf der linken Position, die rechte Seite soll nach Robin Dutt die neue Heimat von Hanno Balitsch werden. Der hat im Moment die Nase vor Daniel Schwaab, der in der Vorbereitung verletzt war.
Jupp Heynckes ließ gerne mit einem Fünfer-Mittelfeld und nur einer Sturmspitze spielen. Dies konnte man auch unter Robin Dutt in den Vorbereitungsspielen erkennen, vor zwei defensiven “Sechsern” agiert eine offensive Dreierreihe hinter der Spitze Stefan Kießling oder Eren Derdiyok. Michael Ballack soll eine Führungsposition einnehmen und Simon Rolfes wurde jüngst von der Mannschaft erneut zum Kapitän gewählt. Kein Platz für Gonzalo Castro, den Dutt aufgrund seiner Fähigkeiten auch eher in der Mitte sieht? In der Schlange steht auch Lars Bender, der es sicher nicht auf der Bank gemütlich machen wird. Der Konkurrenzkampf ist eröffnet. Etwas entspannter geht es in der Dreier-Reihe davor zu. Tranquillo Barnetta und Sidney Sam balgen sich um die rechte Außenbahn, in der Mitte dürfte Renato Augusto die Fäden ziehen. Auf links werden Neuzugang André Schürrle natürlich große Chancen eingeräumt, immerhin kommt der mit der Empfehlung einer Super-Saison mit 15 Toren von Mainz 05.

Wurde als verlängerter Arm des Trainers von seinen Teamkollegen wiedergewählt: Der alte und neue Kapitän Simon Rolfes / Foto: KSmediaNET
Insgesamt fällt der kleine Kader der Leverkusener auf, in dem im Gegensatz zu vielen Konkurrenten fast gänzlich auf “Füllspieler” verzichtet wird. Stellt man eine “Stamm-Elf” mit Adler – Schwaab, Reinartz, Friedrich, Kadlec – Ballack, Rolfes – Schürrle, Renato Augusto, Barnetta – Kießling, so würden sich auf der Bank solch illustre Namen wie Castro, Toprak, Balitsch, Sam, Bender, Derdiyok und Jörgensen tummeln. Wohl dem, der so gleichwertig auswechseln kann …
Zu- und Abgänge
Zugänge: Karim Bellarabi (Eintracht Braunschweig), André Schürrle (Mainz 05), Ömer Toprak (SC Freiburg), David Yelldell (MSV Duisburg), Danny da Costa (eigene U19), Bastian Oczipka (St. Pauli – war ausgeliehen)
Abgänge: Benedikt Fernandez (unbekannt), Kevin Kampl (VfL Osnabrück), Marcel Risse (Mainz 05), Burak Kaplan (Besiktas Istanbul), Constant Djakpa (Eintracht Frankfurt), Ruchard Sukuta-Pasu (1. FC Kaiserslautern), Domagoj Vida (Dinamo Zagreb), Arturo Vidal (Juventus Turin), Tomasz Bobel (eigene Amateure), Sami Hyypiä (Karriereende), Zvonko Pamic (MSV Duisburg – ist ausgeliehen)
Verein und Umfeld
Eigentlich lief der Abgang von Jupp Heynckes zu den Bayern recht reibungslos, bedenkt man, dass sein Wechsel bereits vor dem Saisonende fest stand, als Bayer und Bayern noch um Platz zwei und den damit verbundenen direkten Einzug in die Champions League kämpften. Doch spätestens seit Arturo Vidals Bestreben, an der Isar seinen neuen Arbeitgeber zu finden, sieht Geschäftsführer Holzhäuser seinen ehemaligen Coach in einem etwas anderen Licht. “Es gibt viele, die daran geglaubt haben, dass Jupp Heynckes keinen Spieler weglocken würde. Er hat ja auch lange den Eindruck erweckt, als werde er bei uns bleiben und dann in Rente gehen. Beides stimmte nicht.” diktierte er der Journaille in die Notizblöcke, um gleich ebenso diplomatisch wie viel sagend hinzuzufügen: “Ich persönlich will das nicht bewerten und auch nicht kommentieren”. Der Wechsel war vor Allem deswegen nicht zu Stande gekommen, weil die Bayer-Führung per schriftlichem Beschluss ausschloss, dass Vidal innerhalb der Bundesliga – sprich zu Bayern München – wechselt. Wenn hiervon mal nicht was hängen bleibt im Verhältnis der beiden Vereine …

André Schürrle soll den Abgang von Arturo Vidal kompensieren. Foto: zaunsturm1905.de
Rudi Völler durfte dann noch flugs einen Nebenkriegsschauplatz eröffnen, als er Bundestrainer Jogi Löw ob der Ausmusterung von Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack noch eine mitgab. Ballack war nicht so recht einverstanden mit seinem Ausschluss aus dem Kreis der deutschen Elitekicker, lehnte die beiden angebotenen Abschiedsspiele ab und warf dem Bundesjogi “Scheinheiligkeit” vor. Völler nahm sich dann ein Beispiel an seinem Chef Holzhäuser und formulierte seinen Seitenhieb “politisch korrekt”: Es ist nicht so durchgeführt worden, wie wir das bei Bayer Leverkusen gewohnt sind und wie es eigentlich funktionieren soll. Aber es ist nun mal so gelaufen, das muss man akzeptieren.”.
Der Ton in der Bayer-Führung wird also (in Ermangelung eines besseren Ausdrucks) aggressiver. Das muss er vielleicht auch, damit die Werkself ihren Ruf als der ewige Zweite mit der Erreichung des allseits ausgegebenen Saisonziels endlich mal los wird.
Saisonziele und Prognose
Dieses Saisonziel lautet von allen Seiten ganz einfach “Meisterschaft”. Robin Dutts “Anspruch kann nur sein, nach oben zu denken”, wo nach Platz zwei in der Vorsaison nicht mehr viel Platz ist. Sein Kapitän Simon Rolfes sieht das ähnlich: “Es wird Zeit für einen Titel”. Und auch der Geschäftsführer macht seine Vorstellungen trotz des Abgangs von Schlüsselspieler Vidal ganz deutlich: “Unser Ziel ist es, ganz oben – und ich meine ganz oben – mitzuspielen”.
Aber genau das wird der Knackpunkt in der kommenden Spielzeit. Ob die Qualität eines Arturo Vidals gleichwertig ersetzt werden kann, darf bezweifelt werden. Auch wenn Rolfes die Trefferquote (10 Tore) des Chilenen zu relativieren versucht (“er hat gute Elfmeter geschossen”), so wird Bayer der Taktgeber, Dauerläufer, Mittelfeldmotor und Vorbereiter (9 Assists) fehlen. So wird man zwar wieder eine schlagkräftige Truppe stellen, zum Platz an der Sonne fehlt aber das Quäntchen.
So wie zum Beispiel in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals, wo man nach eigentlich beruhigender 3:0-Führung beim Zweitligsten Dynamo Dresden die Partie völlig überraschend noch aus der Hand gab und letztlich mit 3:4 nach Verlängerung die Segel strich. Ein herber Dämpfer für die Werkself, Solche Spiele sind es, die Bayer immer wieder auf dem Weg zu möglichen Titeln zurückwerfen und den Mythos “Vizekusen” am Leben erhalten.
Prognose: Platz 3 – 6
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