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[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] Borussia Mönchengladbach - die Rückrunde als Wegweiser?

4. August 2011, 09:49 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Die MAG-Saisonvorschau beschäftigt sich heute mit der Situation bei Borussia Mönchengladbach. Die Fohlen sicherten in der letzten Saison den Klassenerhalt bekanntlich erst in der Relegation – so eine Zittersaison soll es am Niederrhein bitteschön nicht wieder geben.



Borussia Mönchengladbach


Rückblende: “Das Wort Abstieg nehmen wir nicht in den Mund“…

… sagte Michael Frontzeck überschwänglich optimistisch vor Beginn der letzten Saison und stellte damit eine Fehleinschätzung auf, wie man sie selten erlebt hat. Das Wort Abstieg wurde stattdessen zur am häufigsten gebrauchten Vokabel am Niederrhein – mehr noch, es fraß sich in die Köpfe und wurde zum alles beherrschenden Thema. Das Abstiegsgespenst hatte die Borussia fest in seinen Klauen, erst als es seinen Dienst fast erfüllt hatte, wurde es vertrieben und in der Relegation der Klassenerhalt dann doch noch perfekt gemacht. Dem monatelangen Frust folgte die Erlösung; nervenaufreibenden, zittrigen Wochen zwischen Hoffen und Bangen folgte grenzenloser Jubel und unglaubliche Erleichterung. Als Igor de Camargo in der Nachspielzeit des Relegationshinspiels gegen den VfL Bochum zum 1:0 traf, erlebte der Borussiapark die wohl bislang größte Eruption seiner noch jungen Geschichte – die Arena erbebte förmlich unter dem befreienden Aufschrei auf den Rängen. Zu Recht: Dieser Treffer De Camargos war es, der den Weg zum Verbleib im Oberhaus letztlich ebnete. Reus’ Tor zum 1:1-Endstand im Rückspiel bedeutete dann das i-Tüpfelchen, das die Borussia für ihre tolle Moral und ihre grandiose Aufholjagd belohnte – mit der Rettung schrieb die Borussia mehr als nur ein kleines Fußballwunder!

Igor de Camargo – der Stürmer hofft auf eine verletzungsfrei Saison/ Foto: Andreas Reimer

Schon früh zeichnete sich ab, dass es alles andere als wunschgemäß laufen sollte und den Fohlen eine Zittersaison bevorstehen würde. Rückblickend muss man den spektakulären 6:3-Auswärtssieg bei Bayer 04 Leverkusen als Knackpunkt ansehen, bei dem die Borussia wunderbaren Fußball spielte und deutschlandweit für Aufsehen sorgte. Warum auch immer, diese “Sternstunde” wurde zum Phyrrussieg – anstatt mit Selbstbewusstsein in die nächsten Wochen zu gehen, verlor man vollkommen den Faden und rutschte unerbittlich in den Keller. Es folgten neun Spiele ohne Sieg, darunter am dritten und vierten Spieltag so bitterböse Debakel wie das 0:4 zuhause gegen Eintracht Frankfurt und das 0:7 beim VfB Stuttgart. Am 12. Spieltag wurde diese schwarze Serie mit einem 4:0 ausgerechnet im prestigeträchtigen Derby beim 1. FC Köln gestoppt. Doch dies war nicht mehr als ein kurzes Durchatmen, denn in den restlichen fünf Partien bis zur Winterpause setzte es allesamt Niederlagen – die Borussia schloss die Hinrunde mit der unglaublich miesen Bilanz von nur 10 Punkten als Tabellenletzter ab. Eine desaströse Halbserie mit nur zwei Erfolgen, vier Unentschieden und 11 Niederlagen, dazu gesellten sich 47 Gegentore und eine schreckliche Tordifferenz von -21. Das Fiasko untermauert die Tatsache, dass man im eigenen Stadion ohne Heimsieg blieb. Die Borussia war zum Abstiegskandidaten Nummer eins mutiert.

Auch wenn die sportliche Leitung nach den Niederlagen immer wieder auf positive Ansätze hinwies und die Mannschaft besser sah als die Tabelle ausdrückte, so war dies nicht mehr als Schönfärberei – die Borussia hatte die Rote Laterne verdientermaßen inne. Vielmehr fehlte es dem Team an allen beim Fußball entscheidenden Komponenten: Ordnung und Geschlossenheit auf dem Platz, Spielverständnis und Disziplin. Auch wenn man sagen muss, dass die Borussia mit argen Verletzungsproblemen im Defensivbereich zu kämpfen hatte und tatsächlich einige gute Ansätze zu sehen waren, es bringt nichts, wenn diese durch individuelle Fehler, eine schlechte Chancenverwertung und unnötige Platzverweise zumeist bereits im Keim erstickt wurden. Bis auf die Chefetage, die mit stoischer Ruhe an Michael Frontzeck festhielt, hatten die Fans und die Medien den Chefcoach als Hauptschuldigen für das Versagen ausgemacht.

Doch Frontzeck blieb – und bekam Verstärkungen. Mit den vier Neuzugängen Martin Stranzl, Mike Hanke, Michael Fink und Harvard Nordtveit versuchte Sportdirektor Max Eberl Versäumnisse vom Sommer nachzubessern und Qualität zur Borussia zu holen. Und diese Maßnahme brachte den gewünschten Erfolg, auch wenn es zunächst weiterhin nicht rund lief. Gladbach gewann zwar auswärts beim 1. FC Nürnberg und bei Eintracht Frankfurt,, blieb jedoch vor eigenem Publikum weiterhin ohne Sieg. Als dann auch noch gegen die direkte Konkurrenz vom VfB Stuttgart und dem FC St. Pauli nichts Zählbares heraussprang, war Frontzeck nicht mehr zu halten. Der Gladbacher Vorstand zog nach dem 1:3 gegen die Kiezkicker am 22. Spieltag die Reißleine – endlich, wie die Fangemeinschaft bei sieben Punkten Rückstand zum Relegationsplatz meinte.

Als Nachfolger wurde ziemlich rasch der Schweizer Lucien Favre präsentiert, der in der Bundesliga bereits bei Hertha BSC tätig war und dort nach einem famosen ersten Jahr dann aufgrund interner Streitigkeiten und ausbleibendem sportlichen Erfolg gefeuert wurde. Die Verpflichtung Favres sollte sich für Gladbach als absoluten Glücksgriff herausstellen, er hauchte der am Boden liegenden Truppe neues Leben ein. Beim Debüt am 23. Spieltag schlug man den FC Schalke 04 mit 2:1 und fuhr den ersten Heimsieg der Spielzeit ein. Der Bann war gebrochen! Es folgten noch einige Rückschläge, darunter mit dem ganz bitteren 0:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern durch ein Eigentor von Logan Bailly die letzte Heimniederlage.

Dann aber griffen die Maßnahmen Favres und die Borussia startete ihre furiose Aufholjagd. Der Startschuss dazu fiel mit dem 5:1 gegen den 1. FC Köln am 29. Spieltag. Anders als in der Hinrunde nach dem ebenso deutlichen 4:0, wurde der vorhandene Schwung gegen die Geißböcke nun mit auf die Zielgeraden genommen. Einer äußerst unglücklichen Niederlage beim 1. FSV Mainz 05 folgten drei Siege am Stück. Nach dem 1:0 gegen den designierten Meister Borussia Dortmund behielt man mit dem selben Ergebnis beim Europa-League-Anwärter Hannover 96 die Oberhand und schlug dann am vorletzten Spieltag den SC Freiburg mit 2:0. Diese neun Punkte in Serie hatten die Fohlen zurück ins Geschäft gebracht und vor der abschließenden Runde auf dem 16. Platz gespült – plötzlich war der Klassenerhalt sogar aus eigener Kraft wieder realisierbar. Und tatsächlich, nach einem, an Dramatik kaum zu überbieten letzten Spieltag, behielt die Borussia im Schlussklassement mit 36 Punkten eben jenen Relegationsplatz, der die Play-offs gegen den VfL Bochum bedeutete.

Dort entpuppte sich die vom Aufstiegsexperten Friedhelm Funkel trainierte Mannschaft aus dem Ruhrpott als äußerst unangenehmer Gegner. Am Ende hatte Gladbach das bessere Ende für sich, de Camargo und Reus sei Dank. Die Borussia schaffte das, womit kaum noch jemand gerechnet hatte. Die altbekannte Floskel: “Totgesagte leben länger” konnte um ein Kapitel erweitert werden. Die beiden K.o.-Spiele gegen den VfL Bochum waren der emotionale Höhepunkt einer verkorksten Saison, die unglaublich viele Nerven gekostet hat und am Ende dann doch noch ein gutes Ende nahm.

Dass es am Ende gut ging, ist allerdings auch dem katastrophalen Einbruch der Frankfurter Eintracht geschuldet. Die Hessen, die zu Winterpause mit 26 Punkten auf dem achten Rang lagen und stolze 16 Zähler Vorsprung auf die Borussia aufwiesen, konnten ihr Konto während der schlechtesten Rückrunde der Vereinsgeschichte nur um ganze acht Punkte aufstocken und erlebten ein böses Erwachen …

Personalien

Das Personalkarussell war in den vergangenen Wochen auch bei der Borussia fleißig in Bewegung, allerdings konnten alle Stammspieler gehalten werden. Die zahlreichen Abgänge kamen vornehmlich aus der zweiten Reihe. So dürfte es zum Saisonauftakt am kommenden Sonntag beim FC Bayern München aller Voraussicht nach bei der Borussia kaum Veränderungen bezüglich der letzten Spielzeit geben. Schon im ersten Pflichtspiel, dem 3:1-Erfolg in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals bei Jahn Regensburg, stand mit Lukas Rupp nur ein Neuzugang in der Startformation. Und dies wohl auch nur, weil Juan Arango noch nicht von der Copa América zurückgekehrt war, wo er als Kapitän seine Vino Tinto fast sensationell auf den vierten Platz geführt hatte.

Im Tor sind die Kräfteverhältnisse eindeutig: Marc-André ter Stegen ist die uneingeschränkte Nr. 1. Nachdem im letzten Jahr sowohl Logan Bailly als auch Christopher Heimeroth nur wenig Souveränität zeigten, fand die Wachablösung am 29. Spieltag beim emotionsgeladenen 5:1-Sieg gegen die Geißböcke statt. Der damals noch 18-jährige Keeper konnte auf Anhieb überzeugen und entwickelte sich in der Schlussphase der Saison zum großen Rückhalt für die Borussia. Ter Stegen bringt alles mit, um ein ganz Großer seiner Zunft zu werden. Zunächst einmal kommt es für den jungen Schlussmann aber darauf an, das hohe Niveau zu bestätigen und sich in der Bundesliga vollends zu etablieren. Das Potenzial dazu besitzt er auf jeden Fall – ihm gehört die Zukunft.

Marc-André ter Stegen – trotz seiner Jugend schon Identifikationsfigur und Leistungsträger / Foto: Andreas Reimer

Auch in der Viererkette wird Favre keine Experimente machen und auf die eingespielte Formation mit Tony Jantschke, Martin Stranzl, Dante und Filip Daems setzen. Der vom Karlsruher SC gekommene Matthias Zimmermann muss sich zunächst ebenso hinten anstellen, wie Innenverteidiger Nummer drei Roel Brouwers und Oskar Wendt. Der 25 Jahre alte Schwede, der ablösefrei vom dänischen Meister FC Kopenhagen zu Borussia stieß, schaffte es nicht, Kapitän Daems von der Position links in der Viererkette zu verdrängen. Wie die anderen auch, muss er auf seine Chance warten. Im defensiven Mittelfeld setzt Favre auf die Doppelsechs. Auch hier hat die alte Besetzung die besten Karten. Der Norweger Havard Nordtveit und Roman Neustädter haben sich auf dieser Schlüsselposition bewährt und gehen mit einem Bonus ins neue Jahr.

Zusammen mit der Viererkette bildeten sie in der entscheidenden Phase eine bärenstarke Defensive. Was Frontzeck immer anstrebte: gut gegen den Ball zu arbeiten, gelang unter Favre plötzlich nahezu perfekt. Die Borussia mutierte von der Schießbude der Liga zu einer fast uneinnehmbaren Festung. Ganze neun Gegentreffer musste man in 12 Bundesligapartien hinnehmen, eine beachtliche Quote. Ein Name taucht in den Planspielen überhaupt nicht auf, obwohl der Spieler noch einen gültigen Vertrag bis 2013 besitzt: Tobial Levels. In langen Jahren hielt er in 110 Ligaspielen die Knochen für “seine” Borussia hin. Mit tadellosem und vollem Einsatz schaffte er den Sprung zum Stammspieler und gar zeitweise zum Kapitän. Zunächst verlor er unter Favre an Jantschke seinen Platz, nun wurde er ganz ausgemustert – eine ganz bittere Pille für die Kämpfernatur, die aufzeigt, wie hart das Profigeschäft ist.

Im Offensivbereich lief während der Vorbereitung nicht alles rund. Gladbach präsentierte sich oftmals zu ideenlos und ohne den nötigen Druck nach vorn, so dass man einfach zu wenig Torgefahr ausstrahlte. Das muss besser werden. Die größte Last hierbei trägt sicherlich Marco Reus, der in seine fünfte Profisaison geht. Der 22-Jährige ist mit Abstand Borussias gefährlichste Waffe. Reus’ Klasse steht dabei nicht zur Debatte, er kann Spiele allein entscheiden – und tat dies im letzten Jahr auch zu genüge. Zehn Tore und neun Vorlagen standen am Ende für ihn zu Buche. Damit war er mit großem Vorsprung bester Scorer der Borussia. Auf dem wieselflinken Stürmer ruhen große Hoffnungen. Eine schwerwiegende Verletzung und ein langfristiger Ausfall wären der Super-Gau für die Elf vom Niederrhein.

In dem – von Favre favorisierten – 4-4-2-System mit einer flachen Vier im Mittelfeld dürfte bei entsprechender Fitness Juan Arango das Rennen um den zweiten freien Platz machen. Der Venezolaner, dessen Spiel unter Frontzeck oftmals von Lethargie geprägt war, steigerte sich in der Rückrunde und bot ansprechende Leistungen. Mit vier Treffern und sieben Assists war er in der internen Scorerwertung der Zweitplatzierte.

Zweitbester Torschütze war mit sieben Buden Igor de Camargo. Und dies, obwohl der Brasilianer mit belgischem Pass eine wahre Horror-Saison durchlebte. Als “Königtransfer” vorgestellt, warf den Angreifer eine Verletzung nach der anderen immer wieder zurück. Wie wichtig die Camargo wirklich für die Borussia sein kann, lässt sich nur erahnen. In der Relegation war er fit und zeigte prompt seine Wertigkeit. Ist der 28-jährige gesund, dann hat er seinen Platz in der Startelf sicher. Ihm zur Seite wird zu Beginn wahrscheinlich der ein Jahr jüngere Maik Hanke stehen. Auch er geht mit einem Bonus aus dem bestandenen Abstiegskampf in die neue Saison.

Nach der Ausmusterung von Mo Idrissou ist die erste Alternative zu den beiden Raul Bobailla. Der heißblütige, bullige Argentinier kehrte nach seiner verordneten Denkpause bei Aris Saloniki zu Borussia zurück. Geläutert, wie sein Trainer hofft. Für Boba ist es wohl die letzte Chance, sein zweifellos vorhandenes Talent zu zeigen und sich in Gladbach durchzusetzen.

Neuzugang Yuki Otsu – erst im zweiten Anlauf Borusse / Foto: Andreas Reimer

Hinter den genannten Spielern herrscht ein großes Gedränge. Es sind vor allem hoffnungsvolle junge Talente, die auf die Gelegenheit lauern, sich zu präsentieren und in die Mannschaft zu spielen. Eine wahre Rasselbande scharrt mit den Hufen, mit gerade mal 21 Jahren ist Yuki Otsu der älteste. Otsu ist Japaner und verstärkt somit die Fraktion der Profis aus dem Land der aufgehenden Sonne in der Bundesliga. Seine Verpflichtung entwickelte sich zu einem kleinen Kuriosum. Nachdem er im Probetraining einen guten Eindruck hinterließ, wurde er dennoch zunächst wieder nach Hause geschickt. War es nun Taktik oder das Hoffen, einen anderen Transfer abzuwickeln. Letztlich besann man sich bei Borussia eines Besseren und verpflichtete den quirligen Außenspieler, der allerdings bei seinem alten Arbeitgeber Kashiwa Reysol extrem verletzungsanfällig war. Eine ähnlich weite Anreise wie der Japaner hatte auch Mathew Leckie. Allerdings war der 20-jährige Borussias erste Neuerwerbung, Leckie schnupperte schon in der letzten Saison Luft am Niederrhein und trainierte bei der Borussia mit. Der letzte Neue stellte sich nach langem Hin und Her erst diese Woche auf dem Vereinsgelände vor. Schon lange war die Ausleihe von Joshua King angedacht, ehe eine alte Verletzung eine Operation notwendig machte und der Deal zunächst auf Eis gelegt wurde. Erst jetzt konnte Vollzug gemeldet werden. King stammt aus Gambia und besitzt einen norwegischen Pass, er wird für ein Jahr von Manchester United ausgeliehen. Man darf gespannt sein, wer von diesen jungen Leuten ins Rampenlicht rückt und sich als bundesligatauglich erweist.

Zu- und Abgänge

Zugänge: Janis Blaswich (eigene Amateure), Raul Bobadilla (Aris Saloniki, war ausgeliehen), Michael Bradley (Aston Villa, war ausgeliehen), Joshua King (Manchester United, ausgeliehen), Julian Korb (eigene Amateure), Matthew Leckie (Adelaide United), Yuki Otsu (Kashiwa Reysol), Lukas Rupp (Karlsruher SC), Oscar Wendt (FC Kopenhagen), Matthias Zimmermann (Karlsruher SC)

Abgänge: Anderson (Eintracht Frankfurt, ausgeliehen), Fabian Bäcker (Alemannia Aachen), Logan Bailly (Neuchâtel Xamax, ausgeliehen), Christian Dorda (SpVgg Greuther Fürth), Michael Fink (Besiktas Istanbul, war ausgeliehen), Bernhard Janeczek (eigene Amateure), Jean-Sébastien Jaurès, Karim Matmour (Eintracht Frankfurt), Sebastian Schachten (FC St. Pauli), Paul Stalteri, Jens Wissing (SC Paderborn 07), Marcel Meeuwis (VVV Venlo)

Verein und Umfeld

Nach der aufwühlenden letzten Saison ist wieder Ruhe eingekehrt bei Borussia Mönchengladbach. Es war ja nicht nur der Abstiegskampf, der allen im Verein und Umfeld die Nerven raubte. Mitten hinein in die entscheidende Phase rückten zudem die Planspiele der “Initiative Borussia” in den Fokus, auf der Jahreshauptversammlung die bisherige Clubführung zu stürzen und neue Strukturen im Verein herbeizuführen. Mit Stefan Effenberg als Galionsfigur startete man eine groß angelegte Medienkampagne, die kein gutes Haar am Präsidium und der sportlichen Leitung der Borussia ließ und mit unsachlicher Kritik unter der Gürtellinie aufwartete. Keiner weiß, was auf der Mitgliederversammlung bei einem Abstieg passiert wäre. So aber zeigten die Stimmberechtigten den Revoluzzern die rote Karte und schickten Effenberg & Co. mit einer fast schon peinlichen Niederlage bei der Abstimmung die Wüste.

So blieb der alte Vorstand im Amt und auch Sportdirektor Max Eberl ging gestärkt aus dem Putschversuch hervor, obwohl viele Mitglieder durchaus Kritikpunkte an ihrer Arbeit zum Ausdruck brachten. Angesichts der wirtschaftlichen und sportlichen Voraussetzungen ist die Borussia doch vieles schuldig geblieben, was letzten Endes auf den Sportdirektor und dessen Einkaufspolitik zurückfällt. So steht Eberl gewissermaßen unter Bewährung. Er propagiert die Politik der kleinen Schritte, will Gladbach peu à peu und ohne finanzielles Harakiri weiterentwickeln. Und hier muss man ihm erste Erfolge attestieren. Die Borussia musste keinen ihrer Leistungsträger verkaufen, um den Etat zu decken. Wann gab es das zuletzt?

Während der Saisonvorbereitung hätte man einigen Pressemeldungen zufolge annehmen können, dass das Tischtuch zwischen Eberl und Favre zerschnitten sei. Es wurde von großen Streitigkeiten in Sachen Neuverpflichtungen berichtet, der Schweizer Coach sei unzufrieden mit den getätigten Transfers und fordere mehr Qualität. Viel Lärm um nichts, denn die Einkaufstour richtet sich nun mal nach der Kassenlage. Und die hat Eberl, nimmt man die vier Verpflichtungen im Winter mit dazu, sicherlich bis an die Grenze ausgereizt. Auch Favre kennt die finanzielle Situation und zeigt sich zufrieden mit der Zusammenstellung des Kaders. Einziger Abstrich, gern hätte er noch einen flexiblen Offensivspieler.

Kommen wir zu Lucien Favre selbst. Der Schweizer genießt nach der Rettung verständlicherweise allerhöchsten Respekt. In wenigen Monaten brachte er die gesamte Anhängerschaft hinter sich und überzeugte auch die Fußball-Fachwelt, wie der dritte Platz bei der Wahl zum Trainer des Jahres deutlich macht. Favre ist ein akribischer Arbeiter, der von seinen Spielen viel verlangt und dabei konsequent sein Konzept verfolgt und umsetzt. Er will eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die taktisch seine Marschroute umgesetzt und dabei guten Fußball spielt. Vor unbequemen Maßnahmen scheut er nicht, wie Tobias Levels und Mo Idrissou zu ihrem Leidwesen erfahren mussten. Für beide ist kein Platz mehr in der Mannschaft. Genau wie Michael Bradley, der nach seinem geplatzten Wechsel zu Asta Villa an den Niederrhein zurückkehrte, wurden sie ausgemustert und dürfen sich einen neuen Verein suchen. Die Borussia hofft bis zum Ende des Transferfensters auf potente Interessenten, um entsprechende Ablösesummen zu generieren und so dem Wunsch Favres nach einer Verstärkung für das Mittelfeld eventuell doch noch nachkommen zu können.

Tobias Levels & Michael Bradley – ihre Tage am Niederrhein sind gezählt / Foto: Andreas Reimer

Ob mit oder ohne weitere Neuzugänge, man darf gespannt sein, was Favre aus der Mannschaft in der neuen Saison herausholt. Ohne den permanenten Druck, der beim Abstiegskampf herrschte, beginnt ein neues Kapitel. Macht was daraus! Die Fans jedenfalls sind voller Vorfreude. Der Dauerkartenverkauf lief prächtig und wurde bei der neuen Rekordmarke von 27.500 von Vereinsseite gestoppt.

Die Saisonziele, Prognose

Anders als Frontzeck, der wie ganz oben geschrieben, den Abstiegskampf von vornherein ausschloss und später eines Besseren belehrt wurde, äußert sich Favre im Hinblick auf die anstehende Aufgabe deutlich vorsichtiger: “Es wird erneut eine schwierige Saison.“ Die Aussage des Schweizers darf nicht verwundern, schließlich sind die Erinnerungen noch frisch – Platz 16 auf den letzten Drücker. Favre ist erfahren genug und weiß um die Unwägbarkeiten, die zwischen August und Mai liegen können.

Lucien Favre – was holt er aus der Truppe raus? / Foto: Andreas Reimer

Auch wenn er mit Sicherheit gern noch qualitative Verstärkungen für das kreative, zentrale Mittelfeld gehabt hätte, so bekennt er sich doch zum jetzigen Kader. Kein Wunder, die letzten Monate haben alle im Verein enger zusammenrücken lassen und Mannschaft und Trainer zusammengeschweißt. Jeder hat gesehen was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen – und zwar in die Richtung, die Favre vorgibt. Die Borussia konnte alle Leistungsträger halten und hat ihm mit den Neuzugängen einige Alternativen dazu gegeben. Nehmen wir die starke Rückrunde als Wegweiser: Spielt die Defensive auf ähnlich hohem Niveau wie zum Ausklang der letzten Saison, und findet die – während der Vorbereitung wenig überzeugende – Offensive zusammen, dann sollte die Borussia tatsächlich im ruhigen Fahrwasser schwimmen und eine Saison ohne größere Sorgen bestreiten können. Intern hat man als Ziel die 40-Punktemarke ausgegeben. Dies sollte auf jeden Fall möglich sein. Ob man auf dem Weg dorthin aber der Abstiegszone dauerhaft fern bleiben kann, steht auf einem anderen Blatt.

Andere Fußball-Portale sehen die Borussia deutlich verbessert gegenüber dem letzten Jahr. So traut ihr beispielsweise Sportal in der Endabrechnung den sechsten Platz zu. Eurosport liegt mit seiner Prognose und Rang acht nicht weit darunter. Bei optimalem Saisonverlauf ist ein derartiges Abschneiden nicht utopisch, aber das Maximum bleibt zumeist Wunschtraum. Wir ordnen die Borussia dem gesicherten Mittelfeld zu, der Klassenerhalt wird mit Sicherheit geschafft.

Tipp: Platz 9 – 13


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