[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] Hamburger SV - der große Unbekannte
2. August 2011, 10:04 geschrieben von Schneiderlein, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Nach vielen verpassten Gelegenheiten in den letzten Jahren und einer alles in allem doch enttäuschenden Bundesligasaison soll nun das Team des Hamburger SV verjüngt werden. Wie ist der HSV 2011/12 einzuschätzen? Die MAG-Saisonvorschau wirft einen genauen Blick auf das Team von der Elbe.
Hamburger SV
“Kein Herz, keine Leidenschaft, kein Tempo” (EX HSV-Coach Armin Veh) – ein Rückblick auf die vergangene Saison
HSV-Fans haben sich daran gewöhnt, nach vorne zu schauen. Man muss schon weit, sehr weit zurückblicken, um als Fan dieses ruhmreichen Traditionsclubs wohlige Schauer zu bekommen. Bei Rückblicken in die jüngere Vergangenheit schauert es HSV-Fans gelegentlich zwar auch, aber das sind dann eher Schauer der unangenehmen Art.
Dabei war die vergangene Saison endgültig ein Abschluss und die letzte Chance eines wenn schon nicht großen, dann jedenfalls doch immens teuren HSV-Teams. Wer heute auf die letzte Saison des HSV zurückblickt, blickt auf eine HSV-Ära zurück. Ein Mann prägte diese Ära wie kein anderer: Bernd Hoffmann. Mit Armin Veh, immerhin Meistertrainer mit dem VfB Stuttgart, und einem nach wie vor hochkarätig besetzten Kader wollte Hoffmann es noch einmal wissen – es war auch seine letzte Chance. Aber ein frühes Aus im DFB-Pokal sowie Platz neun zur Winterpause ließen weder Armin Veh noch Bernd Hoffmann genügend Luft zum Atmen. Am 13. März trennten sich die Hanseaten von Trainer Veh, nur drei Tage später war auch der große Vorsitzende Bernd Hoffmann HSV-Historie.
Seitdem heißt das Stichwort beim HSV: verwalten. Ankündigungen im Frühjahr, noch einmal angreifen zu wollen, klangen halbherzig. Auch bei hohen Siegen wie etwa dem gegen den Nordrivalen Werder Bremen vermochten es die Hamburger nicht zu begeistern. Zu gut, um in Abstiegsnot zu geraten, aber doch nicht gut genug für die Ligaspitze. Und dabei zu teuer für das Liga-Mittelfeld. Außerdem zu alt sowieso. Spätestens seit der Rückrunde wurde klar kommuniziert, dass ein Umbruch kommen würde.
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| 7. | 1. FC Kaiserslautern | 34 | 48:51 | 46 |
| 8. | Hamburger SV | 34 | 46:52 | 45 |
| 9. | SC Freiburg | 34 | 41:50 | 44 |
Am Ende reichte es immerhin für Platz acht. Andere Teams, die man eigentlich in der Ligaspitze erwarten würde, wie etwa die Nordrivalen VfL Wolfsburg und Werder Bremen hatte es schlimmer erwischt. Wolfsburg wäre sogar um ein Haar abgestiegen. Trotzdem fehlen dem HSV die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft. Es ist nicht zuletzt auch der finanzielle Druck, der einen Umbau des Teams nötig macht.
„Es ist das Ziel, die komplette Struktur der Mannschaft zu verändern.“ (HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow) – Personalien 2011/12
Der HSV 2011/12 präsentiert sich runderneuert. An der Spitze wurde Hoffmann-Nachfolger Carl-Edgar Jarchow im Amt bestätigt und mit einem Vertrag bis 2013 bedacht. Als letzte große Amtstätigkeit fädelte noch Hoffmann die Ablösung Bastian Reinhardts als Sportchef durch Frank Arnesen ein. Der Däne hat am 1. Juli seine Arbeit begonnen und brachte gleich neben Chefscout Lee Congerton noch eine Reihe junger Spieler von seinem ehemaligen Verein FC Chelsea mit: Michael Mancienne, mit 23 der älteste, Gökhan Töre, der in der Vorbereitung mit guten Auftritten von sich reden machte, Jacopo Sala und Jeffrey Bruma.
Nachdem zum Ende der letzten Saison schon wieder die Gerüchteküche brodelte und allerhand mögliche Nachfolger von Michael Oenning als Cheftrainer beim HSV gehandelt wurden, sprach Arnesen nach einem Gespräch mit Oenning diesem das Vertrauen aus. Oenning, der in der verkorksten letzten Saison nurmehr den Totalabsturz zu verhindern brauchte, kann jetzt also zeigen, dass er der richtige für einen Neuanfang ist. Dass das keine ganz einfache Aufgabe ist, zeigt schon die Tatsache, dass Oenning bei den Buchmachern der Top-Kandidat für den ersten Trainerrauswurf ist.

Michael Oenning – befördert vom Co- zum Cheftrainer, steht vor einer schwierigen Mission /Foto: www.zaunsturm1905.de
Einige allzu bekannte Gesichter des HSV werden in dieser Saison nicht mehr auf dem Hamburger Rasen Fußball spielen. Dazu gehören neben Torwart Frank Rost und Flügelflitzer Jonathan Pitroipa auch prominente HSV-Gesichter wie Joris Mathijsen und und Pjotr Trochowski. Außerdem konnten teure Bankdrücker von der Gehaltsliste gestrichen werden, wie zum Beispiel David Rozenahl und Oldies wie Ruud van Nistelrooy und Zé Roberto.
Namhafte Neuzugänge stehen dem nicht gegenüber. Per Skjelbred von Rosenborg Trondheim und Michael Mancienne vom FC Chelsea sind vielleicht erwähnenswert. Mit Marcus Berg kehrt ein eigentlich bereits gefloppter Youngster wieder an die Elbe zurück und straft vielleicht seine Kritiker in dieser Saison Lügen – wer weiß?

Marcell Jansen – der Nationalspieler steht am Scheideweg /Foto: www.zaunsturm1905.de
Immerhin bleiben einige wichtige Spieler auch 2011/12 noch beim HSV beschäftigt. Eljero Elia zum Beispiel. Der wieselflinke Niederländer ließ immer wieder sein ungeheures Talent aufblitzen, blieb aber bisher zu unbeständig. Auch Petric, Jansen, Guerrero und Jarolim bleiben beim HSV. Im Tor ersetzt mit Jaroslav Drobny ein sehr erfahrener Torwart Frank Rost, wobei auch Ersatzkeeper Tom Mickel in der Vorbereitung mit hervorragenden Leistungen glänzte. Im Sturm ruhen auf Heung-Min Son große Hoffnungen.
Zu- und Abgänge beim HSV ’11/12
Zugänge: Per Ciljan Skjelbred (Rosenborg BK), Michael Mancienne (FC Chelsea), Gökhan Töre (FC Chelsea Reserves), Jacopo Sala (FC Chelsea Reserves), Kevin Ingreso (Hamburger SV U19), Janek Sternberg (Hamburger SV U19), Dániel Nagy (Hamburger SV II), Tom Mickel (Hamburger SV II), Jeffrey Bruma (FC Chelsea), Tolgay Arslan (Alemannia Aachen), Marcus Berg (PSV Eindhoven), Sören Bertram (FC Augsburg), Wolfgang Hesl (SV Ried), Mickaël Tavares (FC Middlesbrough)
Abgänge: Tunay Torun (Hertha BSC), Piotr Trochowski (FC Sevilla), Frank Rost (New York Red Bulls), Ruud van Nistelrooy (FC Málaga), Eric Maxim Choupo-Moting (1. FSV Mainz 05), Zé Roberto (Al Gharafa Sports Club), Kai-Fabian Schulz (FC Carl Zeiss Jena), Collin Benjamin (TSV 1860 München), David Rozehnal (OSC Lille), Jonathan Pitroipa (FC Stade Rennes), Joris Mathijsen (FC Málaga), Alex Silva (Clube de Regatas do Flamengo Campeonato Brasileiro), Macauley Chrisantus (FSV Frankfurt)
Schlaglicht: Die Saisonvorbereitung
In der Saisonvorbereitung zeigte der HSV keine eindeutige Tendenz. Zu einem frühen Zeitpunkt der Vorbereitung unterlagen die Hanseaten dem VfL Wolfsburg deutlich mit 5:1. Zuletzt siegte man gegen den FC Groningen mit 4:0. Die Generalprobe vor dem Spiel gegen den BvB gegen den FC Valencia ging vor heimischem Publikum mit 1:2 daneben.
Beim Liga-Total!-Cup überzeugte der HSV gegen Liga-Primus FC Bayern München. Dafür musste man sich im Finale dem deutschen Meister Borussia Dortmund mit 2:0 geschlagen geben. Dabei haben diese Spiele natürlich “keine Aussagekraft für die Bundesliga. Es war nur eine gute Standortbestimmung für uns, wir konnten sehen, wo wir noch Mängel haben.“ (Dennis Diekmeier)
Den ersten dann wirklich ernsthaften Test, im DFB-Pokal, bestand der HSV zumindest geradeso. Gegen den Niedersachsenligisten VfB Oldenburg siegten die Hamburger knapp mit 2:1. Westermann und Petric schossen die Tore. Dabei war der HSV vor allem kämpferisch gefordert gegen raubeinige Oldenburger.
Endlich Ruhe im Karton? – Der HSV und sein Umfeld
Die Erfahrung zeigt, dass ein ruhiges Umfeld für den Erfolg von großer Bedeutung ist. Beim HSV stehen die Chancen dafür zum ersten Mal seit Langem richtig gut. Die Fans sollten wissen, dass diese Saison nicht zu viel erwartet werden sollte. Schon 2009/10 und 2010/11 hat der HSV mit einem namhafter besetzten und teureren Kader das internationale Geschäft verpasst. Umstrittene Personalien wie Bernd Hoffmann und Bastian Reinhard sind nicht mehr im Amt. Und den Neuen, vor allem Frank Arnesen, wird vorschießendes Vertrauen entgegengebracht. Wenn der Saisonstart also nicht völlig verkorkst wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es im Verein ruhig bleibt.
Auch im glänzenden Bundesliga-Showbus gibt es so etwas wie Arbeit – at grass-roots-level. Das steht beim HSV jetzt an. Michael Oenning und Frank Arnesen müssen ein Team aufbauen; und dass das nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen ist, ist hinlänglich bekannt. Vieles muss sich neu finden und einspielen. Aufgaben und Kompetenzen müssen neu verteilt, erstritten und verteidigt werden – auf allen Ebenen. Läuft alles rund, wird die Neustrukturierung vielleicht ein Selbstläufer. Aber was, wenn nicht?
Neue Leute, wohin man blickt. Im Zentrum steht dabei der neue starke Mann an der Elbe: Frank Arnesen. Erfahren ist Arnesen, bundesligaerfahren nicht. Oenning fehlen die großen Meriten als Trainer. Auch Jarchow ist kein alter Hase im Bundesligageschäft. Es gilt auch hier: Bleibt der Liga-Dino in sicherem Fahrwasser, wird niemand die fehlende Erfahrung im Bundesliga-Alltag der HSV-Führungsspitze beklagen. Aber was, wenn nicht?
MAG-Prognose für die Saison 2011/12
“Das ist nicht ohne Risiko” sagt HSV-Vorstandsvorsitzender Carl-Edgar Jarchow zum bevorstehenden Umbau des HSV-Teams. Wo der HSV wirklich steht, werden erst die nächsten Wochen zeigen. Jarchow selbst hat als Ziel Platz sechs formuliert. Uwe Seeler würde sich “riesig über einen gesicherten Mittelfeldplatz freuen”. – Aller Anfang ist schwer und zugleich wohnt jedem Anfang ein Zauber inne. Der HSV ist der große Unbekannte der Liga in dieser Saison: neue Gesichter, wohin man blickt. Alles scheint möglich, eine Prognose schwierig und doch braucht es für Vorhersagen keine Glaskugel.
Immerhin sehen auch erfahrene und ambitionierte Spieler wie Petric den HSV auf einem guten Weg. Für den Abstiegskampf sollte das Team zu stark sein. Natürlich haben sich in Vergangenheit auch Teams, von denen man anderes erwartet hätte, auf einmal im Abstiegskampf wiedergefunden, zuletzt etwa der VfL Wolfsburg. Aber die Voraussetzungen beim HSV sind nicht so, dass Abstiegskampf realistisch erscheinen kann.

Heiko Westermann – soll als Abwehrchef die jungen Nebenleute führen /Foto: www.zaunsturm1905.de
Umgekehrt tun Seeler und Jarchow gut daran, die Ziele nicht zu hoch zu hängen. Jarchows Vorgabe – Platz sechs – ist ambitioniert, aber realistisch. Mir jedenfalls scheint eine positive Überraschung eher möglich als eine negative. Für Abstiegskampf liegt zuviel Aufbruchsstimmung in der Luft.
Andererseits liefert die Vorbereitung kein eindeutiges Bild. Immerhin konnte der FC Bayern München beim Liga-Total!-Cup in Mainz letztlich ziemlich klar nach 2:0-Führung mit 2:1 besiegt werden. Aber für Dortmund reichte die Form noch nicht. Gleichzeitig haben sowohl Oenning als auch Kontrahent Klopp nicht ohne Anlass in Bezug auf das Auftaktspiel der Fußballbundesliga von einem ‘komplett anderen’ Spiel gesprochen. Weder gegen Bayern noch gegen den BvB war Hamburger Hurra-Fußball zu sehen.
Alles in allem braucht die Erwartung nicht zu hoch gehängt zu werden. Aber ein Tabellenplatz in der oberen Tabellenhälfte ist realistisch, im oberen Tabellendrittel nicht unmöglich.
Prognose: Platz 5-9
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Hallo. Ein sehr schöner Artikel! Sehr lesenswert. ABER: HSV gewann 2009 unter Labbadia den Cup. 2010 war es Schalke 04!
Gruß
Matze
— Matze Aug 2, 10:41 #
Super Artikel, dem ich nur zu 100% zustimmen kann.
— Frederik Aug 2, 13:17 #