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[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] SC Freiburg - Sorgen trotz Sorg

5. August 2011, 10:26 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Das MAG widmet sich heute dem SC Freiburg. Neuer Trainer, altes Glück? Die Breisgauer blieben im Vorjahr von Abstiegssorgen verschont. In dieser Saison könnte es ungleich schwerer werden.


SC Freiburg

Die letzte Saison

Um sich an eine derart sorgenfreie Bundesligasaison für den SC Freiburg erinnern zu können, muss der geneigte Beobachter zumindest so alt sein, dass er dem gängigsten aller Freiburger Klischees, dem des Studenten, nicht mehr entspricht. Einzig 1994/95, als der Verein als Dritter wurde, gab es eine Saison in welcher der Sportclub ebenfalls nach dem dritten Spieltag die ersten zehn Plätze nicht mehr verließ. Gerade die Hinrunde, welche die Breisgauer als Sechster mit 28 Punkten abschlossen – erneut Werte, die nur 1994/95 übertroffen wurden – begeisterte die Anhänger an der Dreisam enorm. Neun Siege, darunter die Siege in den Regionalduellen gegen Hoffenheim und Stuttgart machten kurze Zeit sogar Hoffnung auf die Europa League.

Dass diese am Ende doch 14 Punkte entfernt war, lag an der schwachen Rückrunde. Lediglich 16 Punkte fuhr Freiburg ein. In der Rückrundentabelle belegte der SC nur Platz 16, einzig die Absteiger St. Pauli und Frankfurt waren schlechter. Insgesamt wurden im Kalenderjahr 2011 neun Spiele verloren, vier davon Ende Februar/Anfang März sogar in Serie. Damit beendete man insgesamt in der Rückrunde mehr Spiele ohne Punktgewinn als mit. Dennoch sprang am Ende Platz 9 heraus, immerhin die drittbeste Ligaplatzierung in der Geschichte des Vereins.

Personalien

Bleibt er oder geht er? Die beherrschende Personalie des SC Freiburg ist noch immer ungeklärt. Er ist Papiss Demba Cisse, mit seinen 22 Toren in der vergangenen Saison einer der Gründe dafür, warum die Badener nie auch nur in die Nähe der Abstiegsränge kamen. Natürlich möchten die Verantwortlichen in Freiburg den Senegalesen halten, wissen aber auch, dass es ab einer gewissen Summe gänzlich unmöglich sein wird. Gemeinhin wird diese Schmerzgrenze bei 15 Millionen Euro angesetzt. Noch ist aber völlig offen, ob jemand diese Summe aufrufen wird. Freiburg hat dennoch für alle Eventualitäten vorgebaut und für 2,2 Millionen Euro bereits einen potentiellen Ersatz verpflichtet. Der malische Nationalspieler Garra Dembele kommt mit der Empfehlung von 26 Toren in der Vorsaison ins badenova-Stadion. Einzig, die Treffer wurden in der bulgarischen Liga erzielt.

Torjubel nach einem Tor von Cisse (ganz links): Auch in diesem Jahr? /Foto: www.zaunsturm1905.de

Der erste Versuch ohne Cisse und mit Dembele zu spielen, ging freilich kolossal schief, in der ersten Pokalrunde schied Freiburg in Unterhaching aus, Dembele blieb über 90 Minuten völlig wirkungslos. Sollte Cisse gehen und Dembele nicht einschlagen so konnte der 21-jährige Simon Brandstetter die Lücke schließen, der Angreifer erzielte im Vorjahr für die zweite Mannschaft des Sportclubs 18 Tore und war einer der herausragenden Spieler der Regionalliga. Keiner der anderen Angreifer im Kader (Reisinger, Jendrisek, Yano) hat bislang größere Knipserqualitäten bewiesen. So wird von der Personalie „Stürmer“ tatsächlich viel Wohl und Wehe der Beisgauer abhängen.

Der nach momentanem Stand einzig schmerzhafte Abgang eines Spielers ist der von Innenverteidiger Ömer Toprak. Der schnürt ab sofort für Bayer Leverkusen die Fußballschuhe, spülte aber immerhin 3 Millionen Euro in die Kassen des Vereins. In eine Ablöse für einen direkten Ersatz wurde diese Summe jedoch nicht investiert. Stattdessen entschied man sich für eine ablösefreie Lösung. Der 24 Jahre alte Schweizer Beg Ferati kam vom FC Basel.

Allerdings wurde der Verteidiger mit den kosovarischen Wurzeln dort nach Bekanntgabe seines Wechsels auf die Bank verbannt und kam nur noch zu fünf von 18 möglichen Einsätzen. Es bleibt abzuwarten, wie gut oder schlecht ihm die Pause getan hat und ob er einigen Rost angesetzt hat. Dass die nominell erste Innenverteidigigung zumindest noch Abstimmung braucht, bewies sich im ersten Pflichtspiel der Saison in Unterhaching als sowohl Ferati als auch sein Partner Oliver Barth jeweils einen Foulelfmeter verschuldeten.

Jenseits der Transfers von Dembele und Ferati und des Abgangs von Toprak wurde das Team jedoch kaum verändert. Sowohl die Zugänge als auch die Abgänge fanden größtenteils an den Rändern der Mannschaft statt. Ersatztorwart Simon Pouplin verließ den Verein, für ihn kam Daniel Batz von der Reserve des 1. FC Nürnberg. Tommy Bechman, im letzten Jahr ohne Einsatz, verließ die Deutschland nach sieben Jahren und ging nach Dänemark zurück. Dies bedeutet, dass ein Großteil des Teams sich bereits seit mindestens einer Spielzeit kennt, Abläufe automatisiert und Laufwege internalisiert sind. Daraus könnte sich das größte Plus des Kaders entwickeln.

Der Trainer

Dies alles zu kanalisieren wird Aufgabe des neuen Übungsleiters, Marcus Sorg. Der 45-Jährige war bislang Chef des Regionalligateams des SCF und hat – weder als Trainer noch als Spieler – noch nie außerhalb Baden-Württembergs gearbeitet. Der gebürtige Ulmer ist also ein echtes Eigengewächs des Ländles und damit eigentlich bestens geeignet für den Job beim SC Freiburg. Mit seiner Berufsausbildung als Diplom-Ingenieur passt er perfekt in das Bild, das Freiburg stets – ob gewollt oder nicht – nach außen projiziert: Etwas anders, etwas intellektuell. Sorg ist da nicht anders als seine Vorgänger Finke (Gymnasiallehrer) und Dutt (Industriekaufmann), die auch beide außerhalb des Fußballs ein Standbein entwickelt hatten.

Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern Dutt und Finke hat Sorg aber als Spieler Erfahrungen im Profifußball gesammelt. Bleibenden Eindruck scheint er jedoch nicht hinterlassen zu haben, nicht einmal die Anzahl seiner Einsätze ist zweifelsfrei belegt. Während der Kicker in seinem Bundesliga-Sonderheft von 32 Zweitliga-Einsätzen für den SSV Ulm spricht, sind in der Datenbank von Transfermarkt.de 34 Spiele hinterlegt. Egal wie oft Sorg für seinen Heimatverein angetreten ist, eine große Fußballerkarriere war ihm nicht beschieden und insofern passt er eben dann doch in die Reihe mit Finke und Dutt.

Anders als sein direkter Vorgänger tritt Sorg jedoch wenig offensiv auf. Dutt, der nun in Leverkusen das Szepter schwingt, trat schon mal forsch auf, wurde bisweilen sogar als arrogant beschrieben. Ein derartiges Attribut taucht in der Beschreibung seines Nachfolgers quasi nie auf. „Sachlich, freundlich, bescheiden“ sei er, so die Deutsche Presseagentur. Er selbst beschreibt sich als innerlich ruhig. Zu ruhig? Diese und ähnliche Vorwürfe kommen, wenn man über Sorg recherchiert, vor allem aus dem Ulmer Lager, dort wo er einst spielte und zwischen 2004 und 2007 auch Trainer war. Es liegt an ihm diese Vorwürfe zu entkräften.

Der neue Coach an der Dreisam: Marcus Sorg/Foto: Ingo Stoeldt (Verwendung unter Creative Commons Lizenz)

Zu- und Abgänge

Zugänge: Beg Ferati (FC Basel), Daniel Batz (1. FC Nürnberg), Garra Dembélé (Levski Sofia), Simon Brandstetter (eigene Amateure), Christian Bickel (eigene Amateure)

Abgänge: Jonathan Jäger (unbekannt), Tommy Bechmann (Sönderjyske), Simon Pouplin (unbekannt), Ömer Toprak (Bayer Leverkusen), Nicolas Höfler (Erzgebirge Aue – ist ausgeliehen), Zvonko Pamic (Bayer Leverkusen), Ivica Banovic (Energie Cottbus, war an den MSV Duisburg ausgeliehen)

Verein und Umfeld

Zeit dazu dies zu tun wird Sorg auf jeden Fall bekommen. Es dürfte in der Bundesliga kein ruhigeres Umfeld geben als in Freiburg. Weitab von großer Medienpräsenz, von präsidialen Despoten und unrealistischen Erwartungen nachhängenden Anhängern darf der Übungsleiter in Freiburg lange handeln, bevor Kritik aufkommt. Jedem ist bewusst, dass Freiburg eigentlich kein Bundesligaverein sein dürfte. Das Stadion zu klein, das Einzugsgebiet ebenso, die Finanzausstattung sowieso.

Das heißt nicht, dass ein möglicher Abstieg nonchalant hingenommen werden würde. Es heißt aber, dass dieser in den Planungen der Verantwortlichen immer mindestens im Hinterkopf eine Rolle spielt. Die Verantwortlichen, das sind neben Sorg vor allem Dirk Dufner und Fritz Keller. Keller ist der neue 1. Vorsitzende des Vereins. Er war im vergangenen September ins Amt gekommen, als Nachfolger einer Freiburger Legende. Achim Stocker, von 1972 bis zu seinem Tod 2009 Vorsitzender des Sportclubs, hatte in dieser Zeit die Geschicke des Vereins geleitet und mit der Verpflichtung von Finke den Grundstein dazu gelegt, dass Freiburg heute überhaupt erstklassig ist.

Keller, Winzer und Gastronom, sieht sich ganz in der Tradition seines legendären Vorgängers. Der 53-Jährige neigt, ebenso wie Stocker, nicht zu Schnellschüssen und wirkt nie wie ein großspuriger Vereinschef, sondern wirkt meist eher besonnen. Es ist zu erwarten, dass er im Herbst 2011, wenn der gesamte Vorstand neu gewählt wird, im Amt bestätigt wird. Ähnlich besonnen wie sein Vorsitzender ist auch der Sportdirektor der Freiburger, Dirk Dufner, zu beschreiben.

Kein Freund markiger Worte ist der 43-Jährige und passt somit ebenso nach Freiburg wie zu seinem Präsidenten. Es muss für den im Landkreis Freiburg geborenen Dufner ein komplettes Kontrastprogramm zu der Stätte sein, an der er erstmals als Sportdirektor tätig war: Beim TSV 1860 München unter Karl-Heinz-Wildmoser. Erst im Frühjahr hat Dufner seinen Vertrag in Freiburg bis 2014 verlängert und widersetzte sich im Sommer auch kolportierten Offerten aus Frankfurt.

Seit 2007 Sportdirektor in Freiburg: Dirk Dufner /Foto: www.zaunsturm1905.de

Saisonziele und Prognose

Das Ziel ist klar: Klassenerhalt. Wichtig, um dies zu erreichen dürfte ein heiles Überstehen der Anfangsphase der Saison sein, wenn Trainer und Mannschaft noch zueinander finden müssen. Das Startprogramm mit Bremen, Wolfsburg, Bayern, Stuttgart und Schalke hintereinander zwischen Spieltag 3 und 7 macht die Findung nicht gerade einfacher, ebenso wenig wie das Pokalaus in der ersten Runde.

Einiges wird davon abhängen ob Cisse geht. Wenn ja, wird es Freiburg ungleich schwerer haben die Klasse zu halten, den ersten Eindrücken nach ist Dembele kein gleichwertiger Ersatz. Doch auch mit Cisse ist keinesfalls gesichert, dass der Sportclub die Klasse hält. Nicht nur, weil viele der Teams, die im Vorjahr hinter den Breisgauern landeten kein zweites Mal derart schwächeln werden, sondern auch, weil die Gefahr einer Wiederholung der schwachen Rückrunde durchaus gegeben ist. Dies gepaart mit der Unerfahrenheit des Trainers ist eine gefährliche Mischung.

Prognose: Platz 15-18


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