[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] 1. FC Nürnberg - Noch ein Jahr Ruhe?
3. August 2011, 10:38 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Heute nimmt sich das MAG des Vorjahressechsten der Bundesliga an: Den 1. FC Nürnberg. Der FCN blickt auf eine ruhige Saison zurück. Können die Franken das wiederholen oder droht doch wieder der Abstiegskampf?
1. FC Nürnberg
Nie gefährdet, völlig ruhig – Die letzte Saison
Es war die unspektakulärste Saison seit knapp 20 Jahren in Nürnberg. Kein Abstiegskampf, keine Relegation, kein Ligawechsel, nicht einmal ein besonders spektakulärer Lauf im Pokal – alles gänzlich gewöhnlich. Am Ende dieser fast schon langweiligen Saison stand Platz 6 zu Buche. 13 Siege fuhren die Franken ein, nur zweimal wurde diese Marke in der Bundesligageschichte des FCN in einer 18er Liga übertroffen, 1965/66 und in der Meistersaison 1967/68. Fundament des Erfolgs war zum einen die Heimstärke: Neun Spiele gewann die Truppe von Dieter Hecking im heimischen Stadion. In dreißig Jahren waren die Zuschauer im Frankenstadion nie öfter in den Genuss so vieler Siege gekommen, wenn die Liga aus 18 Mannschaften bestand; zum Vergleich in der Vorsaison waren es nur fünf Heimsiege gewesen.
Zum anderen zeigte sich der Rückrundenstart für die sorgenfreie Saison des neunmaligen Deutschen Meisters verantwortlich. Zwischen dem 19. und 26. Spieltag verlor der 1. FC Nürnberg kein Spiel, holte 20 von 24 möglichen Punkten, entledigte sich aller latenten Abstiegssorgen und spielte sich auf Rang 6, den man zwischen dem 25. Spieltag und dem Saisonende nicht mehr verließ. Die einzige Kritik, die man anbringen könnte, ist, dass es nach dieser Serie in acht Spielen nur noch zu einem Sieg (in Kaiserslautern) und fünf Punkten reichte. Die nach der Punktserie im Raum stehende Europa-League-Teilnahme rückte damit in weite Ferne und war am Ende sogar elf Punkte entfernt. Nach den Erfahrungen des letzten Ausflugs ins internationale Geschäft womöglich ein versteckter Segen.
Umbruch im Jugendstil – Das Personal
Erkauft war die Ruhe der Vorsaison allerdings, wenn man so will, auf Pump, drei wichtige Stützen der Mannschaft – Mehmet Ekici, Jens Hegeler und Julian Schieber – waren Leihspieler. Während Hegeler noch ein weiteres Jahr aus Leverkusen ausgeliehen ist, mussten Ekici und Schieber zu ihren Stammvereinen zurückkehren. Ekici wurde daraufhin gleich von München nach Bremen weiterverkauft, Schieber hingegen bleibt in Stuttgart. Neben den beiden haben mit Andreas Wolf und Ilkay Gündogan auch zwei Akteure den Verein verlassen, die dort festangestellt waren. Sportlich dürften die Verluste weitaus weniger ins Gewicht fallen: Wolf war noch nie ein sportlich herausragender Innenverteidiger und wie gut die Mannschaft ohne Gündogan spielen kann, zeigte sich zu Beginn der Rückrunde, als der jetzige Dortmunder genau dann ausfiel, als die Erfolgsserie begann.

Neuer Kapitän und Schlüsselspieler: Raphael Schäfer /Foto: www.zaunsturm1905.de
Kritischer ist gerade Wolfs Abgang im Hinblick auf das Mannschaftsgefüge zu sehen. Der 29-Jährige war nicht nur Kapitän und Integrationsfigur für die Fans, sondern auch Teil des Rückgrats der Mannschaftsstruktur. Aus diesem Rückgrat wurde neben Wolf mit Marek Mintal noch eine erfahrene Integrationsfigur entfernt, so dass sich nun in einem äußerst jungen Kader neue Strukturen bilden müssen. Eine besonders wichtige Rolle wird dabei den fünf Spielern zufallen, die 28 Jahre oder älter sind: Raphael Schäfer (Nachfolger von Andreas Wolf als Mannschaftskapitän), Per Nilsson, Javier Pinola, Neuzugang Markus Feulner und Timmy Simons. Nur wenn die Reihe an jungen und sehr jungen Spielern sich an diesem Quintett orientieren kann, können die Abgänge auf menschlicher Seite kompensiert werden.
Neben Feulner, dessen Transfer auf Grund seiner geringen Spielzeit in den vergangenen zwei Jahren unter den Anhängern durchaus kritisch gesehen wird, holte sich der FCN hauptsächlich Spieler hinzu, die unter die Kategorie hoffnungsvolle Ergänzung fallen dürften. Nur Tomas Pekhart, für knapp 1,7 Millionen Euro vom FK Jablonec gekommen, kann als Neuzugang gelten, der zu Beginn der Saison sicher auf dem Feld stehen wird. Der 1,94m lange, 22 Jahre alte Tscheche, wird von Dieter Hecking als Funkturm in vorderster Front eingeplant. Eine Rolle, die er sicher anders als Julian Schieber, der kompakter und lauffreudiger war, interpretieren wird. Neben Pekhart sind sicher Daniel Didavi, der einzige neu hinzugekommene Leihspieler, und Timm Klose, Schweizer U21-Nationalspieler, am dichtesten an der Startformation dran. Klose wird zwar zunächst hinter Nilsson und Shooting-Star Philipp Wollscheid in der Innenverteidigung anstehen müssen, könnte sich aber je nach Saisonverlauf zur echten Alternative entwickeln, wenn er seine Leistungen aus der U21-Europameisterschaft bestätigen kann.

Laut Kicker zweitbester Innenverteidiger der Bundesliga: Philipp Wollscheid /Foto: www.zaunsturm1905.de
Ähnliches gilt für Daniel Didavi, der im Pokalspiel in Bielefeld nur auf der Bank landete und Feulner und Hegeler im zentralen Mittelfeld den Platz überlassen musste. Doch auf lange Sicht könnte sich Didavis Spielwitz und technische Fertigkeit gegen mindestens einen der beiden Konkurrenten durchsetzen. Steht hingegen eine eher defensive Ausrichtung an, dürfte einer der Plätze im Mittelfeld an die zweite große Entdeckung der Vorsaison neben Wollscheid gehen: Almog Cohen. Der Israeli tackelte sich mit seiner kompromisslosen, robusten Spielweise in der Rückrunde nicht nur in Stammformation, sondern auch in die Herzen der Nürnberger Fans. Bei derartiger Konkurrenz dürfte es ein anderer Neuzugang, Wilson Kamavuaka, ebenfalls defensiver Mittelfeldspieler, eher schwer haben auf viele Einsätze zu kommen. Der Deutsch-Kongolese, der aus Hoffenheim kam, ist jedoch ebenso als Perspektivspieler verpflichtet worden wie Patrick Rakovsky (FC Schalke 04 U19), Manuel Zeitz (1. FC Saarbrücken) und Philipp Klement (1. FC Kaiserslautern).
Anders dürfte sich der Fall bei Alexander Esswein darstellen, neben Feulner der einzige im Kader, der sich Deutscher Meister nennen darf. Der 21-jährige Außenstürmer, aus Dresden geholt, wird auf Grund seiner Geschwindigkeit und seines Drangs zum Tor mit Sicherheit auf seine Einsatzzeiten kommen, wenn auch möglicherweise zu Beginn erst als Joker. Überhaupt ist auffallend, dass der Nürnberger Kader über ein gehöriges Maß an Geschwindigkeit verfügt. Robert Mak und Timothy Chandler, die auf der rechten Seite wohl zu Beginn das Duo bilden werden, sind ebenso mit gewaltigem Speed gesegnet, wie eben Esswein und auch Markus Mendler. Es ist also durchaus zu erwarten, dass Dieter Hecking sein System so modifiziert, dass die Schnelligkeit des Kaders auf den Außen ausgenutzt wird, womöglich ergibt sich daraus, gepaart mit Pekharts angenommener Kopfballstärke, eine gefährliche Waffe.
Zu- und Abgänge im Überblick
Zugänge: Markus Feulner (Borussia Dortmund), Tomas Pekhart (FK Jablonec), Timm Klose (FC Thun), Daniel Didavi (VfB Stuttgart, ausgeliehen), Patrick Rakovsky (FC Schalke 04 U19), Wilson Kamavuaka (TSG 1899 Hoffenheim II), Manuel Zeitz (1. FC Saarbrücken), Alexander Esswein (Dynamo Dresden), Philipp Klement (1. FC Kaiserslautern)
Abgänge: Andreas Wolf (SV Werder Bremen), Marek Mintal (Hansa Rostock), Christoph Sauter (Ausleihe an VfR Aalen). Pascal Bieler (SV Wehen Wiesbaden), Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund), Julian Schieber (VfB Stuttgart, Ende der Ausleihe), Daniel Batz (SC Freiburg), Mehmet Ekici (Bayern München, Ende der Ausleihe), Nassim Ben Khalifa (Young Boys Bern), Felicio Brown Forbes (Ausleihe an Rot Weiss Oberhausen)
Erstaunlich unaufgeregt – Der Trainer
Ein einziges Attribut beschreibt den Nürnberger Trainer perfekt: Unaufgeregt. Dieter Hecking wirkt stets souverän, nie hektisch und immer bodenständig. Dennoch formuliert der Westfale aus dem beschaulichen Castrop-Rauxel klare Ziele: Weiterentwickeln soll die Mannschaft sich und die Klasse soll gehalten werden, möglichst schnell. Doch Hecking weiß auch, dass es wohl nicht so schnell wie im Vorjahr passieren wird. Darauf ist er eingestellt und wird gewohnt gelassen darauf reagieren, wenn es nicht läuft. Sein großer Vorteil ist, dass er ein klares taktisches Konzept hat und davon in fast grenzenloser Konsequenz fast nie ablässt. Dass dieser Vorteil auch zum Nachteil werden kann, zeigte sich in der Zeit in Hannover als die Zuschauer ihm das vorsichtige Agieren und das Beharren auf einer echten Spitze zunehmend übel nahmen.
Mehr Spitzen waren auch in den 51 Bundesligaspielen, in denen Hecking in Nürnberg die sportliche Verantwortung hatte, nahezu nie zu sehen. Die eine Spitze als Stoßstürmer, Ballhalter und Ballverteiler ist eines der zentralen Elemente des Systems, das Hecking spielen lässt – ebenso wie die massive Deckung, die das Spiel des Gegners durch Attacken in der Zentrale auf Außen treiben soll. Für Angriffsschwung und Torgefahr sollen vor allem die drei offensiven Mittelfeldspieler sorgen, wobei die Außen im Heckingschen System bei eigenem Ballbesitz eher wie Außenstürmer agieren, die auch zum Tor ziehen sollen und nicht nur als Flankengeber dienen.
Theoretisch kann ein Team im System, das Hecking spielen lässt, also durchaus attraktiven Fußball spielen, doch der Fußballlehrer opfert bisweilen diese Attraktivität einem Übergewicht der kontrollierten Defensive. Im gesamten Defensivverbund baut der 47-Jährige auf solide, zweikampfstarke Verteidiger, die ihre Stärke eher im Grätschen als im Ballverteilen haben. So sind die größten Schwierigkeiten des FCN, das Fehlen von zündenden Ideen und tödlichen Pässen, auch systemimmanent. In dieser Saison wird dies in Nürnberg, sofern es am Ende zum Klassenerhalt reicht, niemanden stören, in der Zukunft könnte dies jedoch anders sein.

Vater des Erfolgs: Dieter Hecking /Foto: www.zaunsturm1905.de
Wenig Irritationen – Das Umfeld
Denn das Umfeld des FCN ist weiterhin zwar vollständig leidensfähig, aber durchaus anspruchsvoll und auf Grund der Erfahrungen der letzten fünf Jahrzehnte auch grundsätzlich misstrauisch jedem Erfolg gegenüber. Nicht nur ein Club-Fan hat im Hinblick auf die neue Saison mit Schrecken auf das letzte Mal verwiesen, als der FCN Sechster wurde: Nachdem man 2006/07 diesen Platz erreicht hatte, stieg man in der darauffolgenden Spielzeit ab. Die Suche nach derartigen Parallelen, nach Gründen, warum es nicht so weiter gehen kann wie im Vorjahr, ist dem fränkischen Fußballfan in Leib und Seele übergangenen. Es ist kein Kokettieren, keine versteckte Ironie, es ist völlig ernst gemeint.
Damit umzugehen ist für die Verantwortlichen des FCN nicht immer einfach. Nicht nur einmal hat sich Manager und Vorstandschef Martin Bader über die Gemütslage der Fans der FCN beschwert. Doch auch der wichtigste Mann am Valznerweiher wird die Grundeinstellung der Club-Anhänger nicht ändern können. Es ist sogar fraglich, ob er sie auch nur in kleiner Weise beeinflussen kann. Gänzlich misslang es ihm im Vorjahr die Vereinsmitglieder dahingehend zu beeinflussen auch nur einen der vom Verein bevorzugten Kandidaten auf einen der drei freien Aufsichtsratsposten zu wählen. Im Oktober werden die verbliebenen sechs Posten besetzt, es bleibt abzuwarten, ob Bader dann mehr Geschick an den Tag legt als bei der letzten Wahl, als auf der Vereinshomepage nur die drei vom Verein gewünschten Kandidaten präsentiert wurden und einer dieser am Wahlabend sogar sichtlich überrascht war, dass mehr als drei Kandidaten zur Wahl standen.
Jenseits dieses Schauplatzes kann die Vereinsführung mit dem vergangenen Jahr jedoch zufrieden sein. Die Verbindlichkeiten des Vereins wurden halbiert, der Verein braucht jedoch noch einige Zeit um die im Zweitligajahr 2008/09 entstandenen Schulden komplett abzubauen. Eine Saison wie die abgelaufene würde dabei sicherlich helfen. Dann bleibt auch das Umfeld so ruhig wie im Vorjahr. Denn diese Ruhe, auch in schwächeren Zeiten, wie der Niederlagenserie zum Ende der Hinrunde oder den schwachen Ergebnisse am Saisonende, war durchaus mitverantwortlich für die Entwicklung der Mannschaft, die so in Ruhe reifen konnte.

Leidensfähig, aber stets etwas pessimistisch: Die Fans des FCN /Foto: www.zaunsturm1905.de
Ein bisschen Wundertüte – Die Prognose
Das Saisonziel des Vereins ist klar: Nichtabstieg. Je früher, desto besser. Auf dem Papier sieht es zunächst schwerer erreichbar als im Vorjahr aus. Leistungsträger sportlicher und menschlicher Art haben den Verein verlassen. Die Namen im Kader lesen sich fast vollständig wie eine Liste großer Unbekannter. Doch Dieter Hecking hat bewiesen, dass er auch mit derartigen Mitteln arbeiten kann. In regelmäßigen Abständen zauberte er im Vorjahr Bundesligadebütanten aus der Regionalligamannschaft hervor, die zwischen solide (Plattenhardt, Mendler), gut (Chandler) und herausragend (Wollscheid) oszillierten, nie jedoch Totalausfälle waren.
Es besteht keine Garantie, dass dies auch im kommenden Jahr gelingt, potentielle Kandidaten gibt es in Form der Profi-Neuzugänge Kamavuaka, Rakovsky, Zeitz und Klement ebenso wie bei den Regionalligaspielern Fall, Walthier, Eckstein, George und Görtler. Doch auch ohne mögliche Senkrechtstarter kann dem FCN das Ziel Klassenerhalt durchaus gelingen. Größtes Pfund dabei ist sicherlich Dieter Hecking, der genau weiß, wie er arbeiten will und der die Spieler in jeder Hinsicht erdet. Schlägt also das Verletzungspech nicht übermäßig zu und findet sich die Mannschaft intern relativ zügig, steht am Ende der Saison der Klassenerhalt, wenn auch möglicherweise erst spät oder sehr spät.
Prognose: Platz 12-15
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Ein sehr guter und allemal lesenswerter Artikel…
— Dave E. Hufer Aug 3, 22:18 #
Chapeu! Guter Beitrag.
— Alexander | Clubfans United Aug 4, 12:31 #