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Paris Saint-Germain - Mischt der nächste Scheichklub Europa auf?

11. August 2011, 21:20 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Int-Fussball.

Der Eifelturm, die Champs-Élysées, Édith Piaf, Jacques Chirac – Paris ist für vieles berühmt, aber nicht unbedingt für schönen und erfolgreichen Fußball. Das soll sich jetzt ändern. Seit dem Einstieg einer Investorengruppe aus Katar befindet sich Paris St. Germain im Umbruch. Der Klub will nicht nur in Frankreich, sondern am besten gleich in ganz Europa angreifen. Hat Frankreich sein Manchester City gefunden?


Paris Saint Germain

Verwöhnt vom Erfolg waren die Anhänger von Paris Saint-Germain in den letzten fünfzehn Jahren nicht. Erst 1970 gegründet, pendelte der Klub, dessen Emblem neben dem Eifelturm als Wahrzeichen der Stadt auch die Wiege des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zeigt, seit der letzten Meisterschaft 1994 mit beinahe systematischer Regelmäßigkeit zwischen Mittelfeld und nördlichem Tabellenrand. Doch für ganz oben sollte es nicht mehr reichen. Ihre negativen Höhepunkte fand die Achterbahnfahrt in der Periode von 2006 bis 2008, als der Traditionsklub zwei Spielzeiten infolge gegen den Abstieg spielte. Beide Male wurde der Kampf gewonnen, und so ist Paris Saint-Germain nach wie vor der Verein, der am längsten in der höchsten französischen Spielklasse beheimatet ist. Anschließend schien sich das altbekannte Hin und Her fortzusetzen: Dem sechsten Platz 2009 folgten ein dreizehnter (2010), dann wieder ein vierter Rang (2011). Bei der Rückkehr ins internationale Geschäft, genauer gesagt in die Europa League, bereitete man in der letzten Saison in der Gruppenphase unter anderem Borussia Dortmund Probleme. Dem Gesetz der Serie zufolge müsste nun aber wieder ein schwächeres Jahr anstehen. Doch dem versucht man in Paris derzeit massiv entgegen zu wirken.

Rund 90 Millionen Euro wurden bereits in den Kader investiert. Doch der wichtigste Neuzugang ist vielleicht gar nicht auf dem Platz wiederzufinden. Leonardo, ehemaliger brasilianischer Nationalspieler, der 1996/97 auch vierzehn Monate lang für den PSG die Stiefel geschnürt hatte, konnte als neuer Sportdirektor gewonnen werden. Wobei die exakte Job-Beschreibung wohl “Super-Manager nach englischem Vorbild” lauten müsste. Der Magath in Frankreich, wenn man so will. Gelockt wurde er angeblich mit einer versprochenen Gehaltsverdoppelung, er selbst nannte bei seiner Vorstellung andere Gründe für seinen Wechsel nach Paris: “Ich wurde von Leuten ausgewählt, die etwas Besonderes auf die Beine stellen wollen.” Was auch immer Leonardo zu seiner Entscheidung bewegt hat, die in ihn gesetzten Hoffnungen sind groß. Zu Recht? Seine Engagements als Trainer beim AC Mailand und bei Stadtrivale Inter verliefen nicht allzu erfolgreich. Zum Ende der letzten Saison sprang immerhin der Gewinn des italienischen Pokals heraus. Dafür hatte Leonardo aber auch nur bei drei Spielen selbst an der Seitenlinie stehen müssen. Die Erfahrungen für seine jetzige Position speisen sich vor allem aus seiner Tätigkeit als Chefscout und Technischer Direktor beim AC Mailand. So dürften es in erster Linie sein Name und seine Kontakte nach Brasilien und zu einigen europäischen Spitzenklubs sein, die in Paris für die neue Euphorie sorgen.

Wüstlings-Infektion

Neuer Mann an der Spitze, Investitionen in Millionenhöhe – in Zeiten, in denen viele große Vereine sparen müssen, erklimmt der Hauptstadtklub gönnerhaft die Spitze in der europäischen Rangliste der Transferausgaben. Wie ist das alles möglich? Zwar gilt Paris Saint-Germain schon seit längerem als drittreichster Klub Frankreichs, hinter Erzrivale Olympique Marseille und Olympique Lyon, doch sitzen die Euros bei den Vereinen unseres Nachbarlandes normalerweise auch nicht allzu locker. Bisher, denn seit dem Einstieg der Qatar Sports Investments schwimmen die Pariser im Geld. Am 31. Mai diesen Jahres sicherte sich die Investorengruppe für 40 Millionen Euro 70% der Anteile an dem Klub. Gehören tut sie dem Kronprinzen des reichsten Staates der Welt, Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. Ist Paris Saint-Germain also nur der nächste europäische Klub, der reichen Scheichs in die Hände gefallen ist? Wird genau wie bei Manchester City nun jeder gekauft, der zu haben ist und auch nur ansatzweise schon mal unter Beweis gestellt hat, dass er kicken kann? Arséne Wenger, Elsässer und Coach des FC Arsenals, geht offensichtlich davon aus: “Sie sind das französische Manchester City.”

Die Scheichs selbst versuchen in diesen Tagen natürlich, diesen Eindruck zu entkräften. Vor allem Nasser Al-Khelaifi, Präsident der Qatar Sports Investments, versucht sich als seriöser Investor zu geben. Kürzlich teilte er Le Parisien mit: “Wir sind langfristig hier, nicht nur für drei Jahre. Unsere Strategie beruht auf einem Fünfjahresplan.” Betont wurde auch, dass man mit jungen Spielern und Talenten arbeiten wolle. Auch wenn mit der Aufnahme von drei Jugendspielern in den Profikader den Worten sofort Taten folgten, muss man wohl abwarten, ob die guten Absichten auch beibehalten werden, wenn der Erfolg sich nicht sofort einstellt. Denn dass die Oligarchen nicht nur aus reiner Liebe zum französischen Fußball gekommen sind, kann kein Geheimnis sein. Zufällig ist Al-Khelaifi auch Sportchef beim arabischen Fernsehsender Al-Dschasira. Knapp 200 Millionen Euro soll er springen lassen haben, um in seiner Heimat die französische Ligue 1 zeigen zu dürfen. Nicht zuletzt aufgrund der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 würde es ihm bestimmt gut gefallen, wenn sein Sender in Zukunft regelmäßig die Partien eines europäischen Topklubs übertragen darf.

“Sie sind das französische Manchester City”

So folgten den Beteuerungen, den Verein nicht komplett umkrempeln, sondern auf der bestehenden Basis und Struktur aufbauen zu wollen, die schon erwähnten Investitionen von insgesamt 86 Millionen Euro. Genau die Hälfte dafür ging für den bisherigen Königstransfer drauf: Javier Pastore, 22-jähriges Spielmacher-Talent aus Argentinien, kommt von US Parlermo und ist der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte (bis dato: Nicolas Anelka mit 33 Millionen Euro Ablöse). Es war nicht der einzige Transfer, bei dem Leonardo seine Kontakte nach Italien ausspielte: Auch Torwart Salvatore Sirigu (ebenfalls US Palermo), Mittelfeld-Abräumer Mohamed Sissoko (Juventus Turin) sowie Flügelflitzer Jérémy Menez (AS Rom) wurden von Klubs vom Stiefel losgeeist. Weitere Stützen in der runderneuerten Mannschaft sollen Blaise Matuidi (Mittelfeld) und Kevin Gameiro (Stürmer) werden. Schon zehn Spieler wurden bisher neuverpflichtet, und es geistern weitere Namen rund um die Rue du Commandant Guilbaud. Angesichts der gut 60 Millionen Euro, die in diesem Sommer angeblich noch für Transfers zur Verfügung stehen sollen, sind durchaus Prominente dabei. Am heißesten flirteten die Neureichen zuletzt mit Ex-Bundesliga-Profi Dimitar Berbatov, der bei Manchester United ins zweite Glied verschoben wurde. Aber auch Samuel Eto’o, Alberto Gilardino, die brasilianischen Talente Neymar und Ganso sowie Eden Hazard wurden als mögliche Kandidaten genannt. In jedem Fall sucht man noch einen Torjäger.

Liest sich so die Planung für das behutsame Aufbauen eines zukünftigen Spitzenvereins? Klar ist, dass Paris Saint-Germain Favorit in der am letzten Wochenende begonnenen Meisterschafts-Saison ist. Leonardo sieht sein Team reif für den Titel, auch ohne einen weiteren Super-Stürmer. Und auch die Investoren vergessen schon wieder ab und an ihre Bescheidenheit und blasen zum Angriff auf Europa: Sobald man Frankreich erobert hat, will man auch auf der internationalen Bühne für Furore sorgen. Die Hauptstadt eines fußballbegeisterten Landes wie Frankreich, eine Weltstadt wie Paris – ist ein europäischer Spitzenklub hier nicht längst überfällig? Natürlich wird teilweise argumentiert, dass der Verein möglicherweise aus eigener Kraft auf dem Weg zu alten Erfolgen war. Schließlich spielte man in der vergangenen Saison bereits lange Zeit um den Titel mit. Dass es auch für Erfolge in Europa gereicht hätte, ist unwahrscheinlich. Dafür ist der französische Fußball insgesamt zu schwach aufgestellt. Mit den Wüstenmillionen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Allein die altbekannte Angst, die Investoren könnten genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, und den Verein im Chaos zurücklassen, ist allgegenwärtig. Ganz abgesehen von den Aufschreien der Kritiker, die regelmäßig aus ihren Löchern gekrochen kommen, wenn einem Verein irgendwo in Europa das vermeintliche Glück beschieden ist, einen finanzkräftigen Gönner gefunden zu haben.

Eine Chance für die Liga?

Ein Kritiker des Engagements beim Pariser Verein ist beispielsweise der französische UEFA-Boss Michel Platini. Das verwundert aber nicht, wenn man bedenkt, dass das Financial Fairplay die Mission seiner Amtszeit ist. Allgemein wurde den Scheichs bisher in Frankreich aber durchaus wohlwollend begegnet. Nicht wenige verbinden mit ihnen die Hoffnung, den Trend der wachsenden Schwäche der Ligue 1 durchbrechen zu können. Zuletzt drohte die französische Liga den Anschluss an die europäische Spitze gänzlich zu verlieren. Das frische Geld könnte neue Stars anlocken und bereits vorhandene zum Bleiben bewegen. Denn auch andere Klubs haben etwas von den Investoren. Immerhin blieben bisher fast 25 Millionen der Pariser Ablösen in diesem Sommer innerhalb des Landes. Im besten Fall könnte sogar die sich seit Jahren katastrophal präsentierende Nationalmannschaft von einer wiedererstarkten Liga profitieren. Es wäre so wichtig im Hinblick auf die Europameisterschaft im eigenen Land 2016. Doch all das sind vorerst nur Hoffnungen und Zukunftsmusik. Trotzdem freute sich Frankreichs meistgelesene Sportzeitschrift L‘Équipe schon lange im Vorfeld mit “Appetit und Ungeduld” auf die neue Saison. Auch deutsche Fußballfans können Zeugen einer interessanten Saison der möglicherweise aufstrebenden französischen Liga werden: Wie schon in der vergangenen Spielzeit überträgt Eurosport jede Runde eine Partie aus der Ligue 1 live.

Frauen dürfen kostenlos rein – Das Pariser Fan-Problem

Auch wenn der neue Reichtum den Fußball in Paris auf ein neues Level heben kann – ein Problem bleibt: die Fans. Der Zwischenfall nach einem UEFA Cup-Spiel gegen Hapoel Tel Aviv, als ein israelischer Fan von einer Gruppe gewaltbereiter Pariser Anhänger verfolgt wurde und ein zur Hilfe geeilter schwarzer Polizist plötzlich selbst Ziel der Hooligans wurde und sich nur mit Schüssen wehren konnte, die einen der Angreifer tödlich trafen, war der wohl bekannteste. Aber selbst innerhalb der eigenen Fanszene gibt es Gruppierungen, die sich nicht grün sind. Es geht hier um Ethnie, Wohnviertel und “Fankultur”. Die Rivalitäten gehen soweit, dass sich die Fans gegenseitig umbringen. Das ist keine Übertreibung, sondern so geschehen bei einem PSG-Heimspiel erst im letzten Jahr. Mittlerweile wurden mehrere Gruppierungen verboten und man versucht, das Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen. Unter anderem dürfen Frauen regelmäßig eintrittsfrei ins Stadion – ob das deeskalierende Wirkung hat? Und wie wird die weitere Entwicklung ausschauen, vor allem, sollte der Klub schon bald eine gewichtigere Rolle im europäischen Fußball spielen?

Paris, die neue Fußballmacht? – Eine erste Prognose

Müssen Frankreich und Europa zittern? Oder entwickelt sich in Paris nur eine ähnlich erfolglose Ansammlung von Söldnern wie in Manchester? Natürlich ist es noch ein wenig früh, um zu urteilen. Aber eine erste Prognose lässt sich nach den Großeinkäufen und dem ersten Spieltag in der Ligue 1 schon stellen. Und am vergangenen Samstagabend gab es im heimischen Prinzenpark dann auch gleich den ersten herben Dämpfer. Gegen den FC Lorient setzte es die erste Niederlage. In einer nervösen ersten halben Stunde ließ sich das neu zusammengestellte Team stark unter Druck setzen, produzierte Fehler und geriet folgerichtig in Rückstand. In der restlichen Stunde berappelte man sich, kombinierte phasenweise auch stark, fand aber kein Mittel, die Deckung des in der Folge sehr defensiven Gegners zu knacken. So blieb es beim 0:1 und man nahm die Erkenntnis mit, dass es noch einiges zu tun gibt, bis man überhaupt erstmal in Frankreich von Dominanz sprechen kann. Gespannt kann man sein, ob eher auf dem Trainingsplatz die Arme durchgeschlagen werden, oder ob sich die Aktivitäten auf den Transfermarkt konzentrieren. Bis sich die Mannschaft auf dem Platz gefunden hat, werden noch mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate, vergehen.

Und wie sind die bisherigen Einkäufe zu bewerten? Eines ist klar: So vollkommen strukturiert und durchdacht wie bei Vereinen, die zumindest ein bisschen auf ihre Bilanz achten müssen, wirken die Einkäufe von Paris Saint Germain bisher nicht. So fällt zum Beispiel auf, dass bis auf Bisevac noch kein echter Abwehrspieler neuverpflichtet wurde. Dabei hat man am vergangenen Wochenende den Eindruck, dass gerade dort noch Handlungsbedarf herrscht. Trotzdem sucht man bei den Gerüchten Namen von Defensivspezialisten vergebens. Paris sollte nicht den Fehler machen, sich bei seinen Transfers auf die Offensive zu konzentrieren – Real Madrid und auch Manchester City waren lange Zeit warnendes Beispiel. Festzustellen bleibt aber, dass eines fast alle neuen Spieler vereint: Sie sind mit überdurschnittlicher Technik gesegnet. Das scheint der Pariser Anspruch zu sein: technisch anspruchsvollen und schön anzusehenden Fußball zu spielen. Teilweise konnte das am Samstag schon auf den Rasen gebracht werden.

Trotz allem muss vorerst einmal, wenn überhaupt, Frankreich vor der neuen Fußballmacht aus der Hauptstadt zittern. Aber selbst, dass der PSG die Ligue 1 wirklich dominieren wird, erscheint zumindest für das erste Jahr unwahrscheinlich. Die Konkurrenz aus Marseille, Lille, Lyon und Bordeaux ist durchaus stark und egal, welchen Superstar Leonardo noch an die Seine lotsen kann, der Weg von einer Ansammlung von Topspielern zu einer Topmannschaft ist ein weiter und benötigt Zeit. Es wird auch allseits bezweifelt, dass Antoine Kombouaré der richtige Trainer ist, um diese Wegspur zu finden. Nicht wenige haben mit Verwunderung vernommen, dass er von den Scheichs nicht durch einen namhafteren Übungsleiter ersetzt wurde. Sollten weitere Ergebnisse wie das vom ersten Spieltag dazukommen, könnte das bald nachgeholt werden.


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