[1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Geht Gladbachs Sommermärchen weiter?
13. Januar 2012, 13:47 geschrieben von Heiland, abgelegt unter Deutscher-Fussball, Deutscher-Fussball.
Heute im MAG: Borussia Mönchengladbach. Die Elf von Lucien Favre spielte die beste Hinrunde seit der Saison 1976/77 und steht vier Zähler hinter dem Tabellenführer auf Rang vier. Geht das Sommermärchen weiter?
Borussia Mönchengladbach
Die Hinrunde
Nach der dramatischen Aufholjagd der Rückrunde und dem Herzschlagfinale der Relegation begann diese Saison gleich mit einem Paukenschlag. Man gewann zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesliga beim Rekordmeister Bayern München. Was folgte, war ein Sommermärchen. Zehn Siege und drei Remis lassen die Fohlen auf dem vierten Rang überwintern. Daheim ist man ungeschlagen und auswärts hat man mit den zweitwenigsten Toren der Liga (sieben) die zweitmeisten Siege eingefahren (vier). Der Hauptgrund ist die unter Favre stabil gewordene Verteidigung. Nur elf Gegentore (in der letzten Hinrunde waren es noch 47) musste die Borussia hinnehmen – einzig der Rekordmeister ist besser in dieser Statistik. Nur einmal musste Marc Andre ter Stegen mehr als einen Gegentreffer hinnehmen. Das war beim 2:2 gegen Leverkusen. Die Tatsache, dass die Elf vom Niederrhein ihre Gegner nur 215 Mal foulte (das ist Ligabestwert), zeigt, wie diszipliniert und fair die Mannschaft spielt. Der unfairste ist dabei Roman Neustädter – mit 24 Fouls in 17 Spielen.

Marc Andre ter Stegen – 17 Gegentore in 23 Spielen/ Foto: www.zaunsturm1905.de
Und man steht beileibe nicht nur hinten drin und ist darauf aus Tore zu verhindern. Mit 254 erarbeiteten Chancen liegt die Truppe in dieser Disziplin auf Platz vier. Das klingt gut, ist aber verbesserungsfähig, denn bei der Auswertung der Chancen rangieren die Westdeutschen nur im Mittelfeld, weil gerade mal 9,84 Prozent zu Toren führten. Die meisten Gelegenheiten, nämlich 61, hatte der nach Kickernoten beste Spieler der Hinrunde: Marco Reus. Wer die Spiele live im Fernsehen schaut, weiß, wie oft die Moderatoren seinen Namen brüllen: So oft, dass man als Gladbachfan angesichts der Vielzahl vergebener Chancen nachts schweißgebadet davon aufwacht. Insgesamt schossen die Fohlen mit 25 sogar ein Tor weniger als in der Hinrunde des Vorjahres. Nicht umsonst hat der Erfolgscoach schon vor der Spielzeit Verstärkung im Sturm gefordert und in ihrem Verlauf immer wieder betont, dass man die Chancenauswertung nur mit viel Training und harter Arbeit verbessern kann.
Wie sehr die Mannschaft die geforderte Polyvalenz ihres Trainers verinnerlicht hat, kann man beobachten, wenn man sich die Spielweise ansieht. Juan Arango arbeitet viel mehr nach hinten mit als früher und rochiert während des Angriffsspiels genauso wie alle anderen. Mike Hanke hat sich vom klassischen Strafraumstürmer zum Vorbereiter mit gutem Auge für seine Mitspieler entwickelt. Roman Neustädter und Tony Jantschke – der Mann mit den viertmeisten Ballkontakten ligaweit – schalten sich häufig ins Angriffsspiel mit ein, weil sie wissen, dass ihre Mitspieler sich zurückfallen lassen, um bei Ballverlust die Räume eng zu machen. Das schnelle Kurzpassspiel – gerade nach Balleroberung im Mittelfeld – klappt zunehmend besser, selbst auf engstem Raum. Jeder weiß, wo seine Mitspieler sich gerade befinden, und kann jederzeit auch mal blind mit der Hacke zurücklegen. Da wundert es nicht, dass die jungen, talentierten Neuzugänge es sehr schwer haben, sich in die erste Elf zu spielen. Dass es gleichwohl über Leistung geht, zeigten zuletzt neben Marc Andre ter Stegen, der seine Ausbildung im eigenen Nachwuchs hatte, vor allem Tony Jantschke (vom FV Dresden-Nord in Gladbachs B-Jugend) und Patrick Herrmann (vom 1. FC Saarbrücken in die A-Jugend der Fohlen).

| Platz: 4 |
| Punkte: 33 – 10S/3U/4N |
| Heim: 21 – 6/3/0 |
| Auswärts: 12 – 4/0/4 |
| Bester Schütze: Reus 10 |
| Bester Scorer: Reus 14 – 10 Tore/4 Vorlagen |
| Zuschauerschnitt: 50.582 / Auslastung: 93,6 % |
| Fair-Play-Wertung: Platz 3 / 31 Punkte |
Personalien
Tolga Ciğerci vom VfL Wolfsburg ist der erste Neuzugang für das Mittelfeld. Er sollte im Sommer schon kommen und wird jetzt bis 2013 mit nachfolgender Kaufoption ausgeliehen. Ebenfalls unter Dach und Fach ist die Verpflichtung des finnischen Nationalspielers Alexander Ring vom HJK Helsinki. Der Mittelfeldspieler, der auf allen Positionen spielen kann, wird ebenfalls bis 2013 ausgeliehen. Gescoutet werden unter anderem der Australier Brett Holman und der dänische Nationalspieler Simon Poulsen vom AZ Alkmaar, deren Verträge zum Saisonende auslaufen. Letzterer könnte ein guter Ersatz für Oskar Wendt sein, wenn man den Schweden denn nach einem Jahr schon wieder ziehen ließe.
Über die vorzeitige Beendigung der Ausleihe von Joshua King, der über zwei Kurzeinsätze nicht hinauskam, wird derzeit mit Manchester United verhandelt. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, ob man Elias Kachunga an den VfL Osnabrück ausleiht, um ihm Spielpraxis in einer höhrern Liga zu geben. Eine vorläufige Gastspiel-Genehmigung macht es möglich, dass er bereits beim Drittligisten trainiert. Fest steht seit Jahresbeginn ebenfalls, dass die Stammspieler Marco Reus und Roman Neustädter im Sommer den Verein wechseln werden. Für Ersteren erhalten die Fohlen von Borussia Dortmund 17,5 Millionen Euro, Letzterer wechselt ablösefrei zu Schalke 04. So schade der Verlust der beiden ist, wie von allen im Verein betont wurde, so gut ist es, bereits jetzt die Planungen für die nächste Spielzeit voranzutreiben, um diese beiden Abgänge zu kompensieren. Max Eberl hat bereits angekündigt: “Wir werden versuchen, Marco mit viel Geld zu ersetzen und den Kader damit zu unterfüttern, um nachhaltig in den Regionen zu spielen, die wir uns vorstellen.”
Dass die Spekulationen in diesen Tagen dennoch wild ins Kraut schießen, beweist der Artikel Trümmer eines Traums recht gut. Auch dazu findet Max Eberl die richtigen Worte: “Das ist der größte Schwachsinn, der seit langer Zeit über Borussia Mönchengladbach geschrieben wurde. Von den Autoren hat niemand mit uns gesprochen, das ist alles aus anderen Zeitungen abgeschrieben und größtenteils wilde Spekulation.” Recht hat er. Wir sind Borussia.
Trainer und Umfeld
Der Versuch der “Initiative Borussia”, den Vorstand abzulösen, ist im Mai glücklicherweise gescheitert. Dass es ohne diese Initiative viel besser geht und vieles von dem, was bis dahin am alten und neuen Vorstand kritisiert wurde, richtig war, wird langsam immer deutlicher. Die Jugendarbeit – das zeigen die Beispiele Jantschke und ter Stegen – gehört zu den besten, die in Deutschland zu finden sind und findet ihre Fortsetzung im Engagement von Lars Tiefenbach, der seit Dezember neuer Jugendcheftrainer für die U9 bis zur U16 ist. Auch die Entscheidungen, Favre zu engagieren und Extrainer Hans Meyer im Sommer als viertes Präsidiumsmitglied aufzunehmen, um die sportliche Kompetenz zu erhöhen, haben sich als richtig herausgestellt und ihr bisheriger Erfolg hat die Kritiker weitestgehend verstummen lassen. Die größte Schwierigkeit besteht derzeit darin, fest genug und lange genug auf die Euphoriebremse zu treten.

Marco Reus – bester Spieler der Bundesliga/Foto: www.zaunsturm1905.de
Selbst Uli Hoeness sagte Ende November: “Ich habe das Gefühl, dass sich Borussia Mönchengladbach sehr stark stabilisiert hat und dass es eine Überraschungsmannschaft sein könnte, wie das schon öfters passiert ist.” Hans Meyer fand Anfang Dezember die richtige Antwort darauf: “Wenn Konkurrenten einen loben, darf man das getrost auch als Taktik sehen.” Favre betont immer wieder, dass es das Wichtigste ist, von Spiel zu Spiel zu denken und mit voller Konzentration den Fokus auf die nächste Partie zu richten. Der sympathische Schweizer wird auch nach den schönsten und höchsten Siegen nicht müde, nach einem ausdrücklichen Lob auch Kritik am Spiel seiner Mannschaft zu üben und zu versuchen, Fehler weiter zu minimieren. Die Mannschaft hat das verinnerlicht. Nach dem Spiel können die Reporter noch so sehr mit ihren Fragen nach Meisterschaft oder internationalem Geschäft nerven, kein Borusse lässt sich dadurch aus der Ruhe bringen.
Die Saisonziele, Prognose
Es ist alles möglich, sogar der Abstieg. 33 Punkte sind großartig, aber kein sanftes Ruhekissen. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren besteht die realistische Möglichkeit, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen und die 50-Punkte-Marke zu knacken. Nur wenn weiter so hart und konzentriert gearbeitet wird, ist dieses Ziel zu erreichen. Eine buddhistische Weisheit besagt: Der Weg ist das Ziel. Das Einzige und Beste, was man in der augenblicklichen Situation tun kann, ist weiter nur von Spiel zu Spiel und nicht an das große Ganze denken. Dann ist alles möglich, sogar die Meisterschaft.
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