[1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Werder im Spagat zwischen Schein und Sein
14. Januar 2012, 11:25 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Werder Bremen
In Teil drei unserer Winterpausenbilanz beschäftigen wir uns mit dem SV Werder. Nach der Horror-Vorsaison dürfte man an der Weser mit dem erreichten Platz 5 nach der Hälfte der Spieltage eigentlich ganz zufrieden sein. Man hat ja immer noch Tuchfühlung zu den Champions-League-Plätzen. Doch betrachtet man die Leistungen vor allem in den Auswärtsspielen, fängt man sich fast eine Augenkrankheit ein.
Die Hinrunde
Rang 13 in der abgelaufenen Saison bedeutete für den zuletzt sieben Jahre in Folge international tätigen SV Werder, dass man sich völlig ohne Europapokalverpflichtungen der Problembewältigung im eigenen Kader widmen durfte. Erst am 33. Spieltag rettete man sich mit einem Sieg gegen den neuen deutschen Meister Borussia Dortmund vor dem Abstieg. Die Schwachstelle im Kader ist leicht ausgemacht, mit 61 Gegentreffern stellte man die viertschwächste Defensive der Liga und kassierte dabei fast dreimal so viele Gegentore wie der neue Meister. Es wäre aber zu einfach, alle Schuld alleine auf die Defensivakteure abzuladen. Nur 47 eigene Treffer produzierte die einstige Tormaschine der Liga, so wenige wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Mangelnder eigener Druck erhöht natürlich den Druck auf die eigene Abwehrkette, hier galt es in der neuen Saison entgegen zu wirken.
Das gelang – wie man so schön sagt – nur bedingt. Zwar stabilisierte sich die Offensivleistung des Teams mit 30 eigenen Treffern auf dem Niveau der fetten Vorjahre, nach teilweise verheerenden Auswärtsniederlagen stellt man aber mit 31 Gegentreffern wie in der Vorsaison die viertschlechteste Abwehr. Dabei hatte die Hinrunde ganz gut begonnen. Nachdem man sich in der ersten Runde des DFB-Pokals dieser letzten verbliebenen lästigen Pokalpflicht entledigt hatte und auf peinliche Art und Weise in Heidenheim die Segel strich, gewann man fünf der ersten sieben Bundesligaspiele und fand sich als ärgster Bayern-Verfolger auf Rang zwei wieder. Meist gelang es den Werderanern dem Gegner ihr Spiel aufzuzwingen, doch schon in dieser frühen Saisonphase stand man immer wieder unsicher in der Defensive. Ein wenig beispielhaft war da der 5:3-Heimsieg gegen Freiburg (ich hab’ immer noch KKEs “Cisseeeeeee”-Rufe auf dem Forentreff im Ohr), als man den unterlegenen Gegner durch haarsträubende Aktionen immer schön in der Partie hielt.
Der Saisonverlauf |
Platz: 5 |
| Punkte: 29 – 9 S/2 U/6 N | |
| Heim: 21 – 7/0/1 | |
| Auswärts: 12 – 2/2/5 | |
| Beste Schütze: Pizarro 12 | |
| Bester Scorer: Pizarro 19 – 12 Tore /7 Vorlagen | |
| Zuschauerschnitt: 40.769/ Auslastung: 97,1% | |
| Fair-Play-Wertung: Platz 14/ 48 Punkte |
An den Spieltagen acht bis zehn verspielte man mit der Niederlage in Hannover, der Heimniederlage gegen Dortmund und dem unnötigen Punktverlust in Augsburg den guten Saisonstart. “Platz zwei” und “erster Bayern-Jäger” war der Mannschaft dabei aber nicht mal zu Kopf gestiegen. In Hannover unterlag man in einem starken Spiel einem starken Gegner, auch die Heimniederlage gegen die (eine Halbzeit lang nur zu zehnt agierenden) Dortmunder war von der eigenen Leistung her kein Beinbruch. Doch man war binnen zwei Spieltagen von Rang zwei auf fünf abgerutscht und hatte auch punktemäßig den direkten Anschluss nach oben verloren. In Augsburg stellte man sich einmal dumm an und ließ trotz optischer Überlegenheit prompt wieder zwei Punkte liegen.
All das steckte das Team aber wieder gut weg, konterte die drei sieglosen Spiele mit zwei Dreiern in Mainz und gegen Köln. Die Bremer Lebensversicherung Claudio Pizarro lieferte dabei zwei Weltklassevorstellungen ab, erzielte von den sechs Treffern vier selbst und bereitete einen vor. Kehrtwende eingeleitet? Könnte man meinen. Auch weil Werder die letzten beiden Heimspiele der Hinrunde gegen Stuttgart und Wolfsburg mit zwei starken Vorstellungen gewann und damit zu Hause 21 von 24 möglichen Punkten holte. Brachte alles nix, denn in den Köpfen werden vor allem die letzten drei Auswärtsspiele der Hinrunde bleiben. Klar, hier erwarteten den SV Werder drei richtige Brocken, doch das darf keine Ausrede sein für 0 Punkte und 1:14 Tore. Den Auftakt der Horror-Serie machte man in Gladbach, als man eigentlich mit den Fohlen gleichziehen und am BVB und den Bayern dran bleiben wollte. Doch bereits das erste Gegentor nach einer Viertelstunde zog den Hanseaten den Zahn und man ließ sich regelrecht abschießen. Glücklicherweise hatten die Fohlen nach einer knappen Stunde schon genug und verloren den Spaß daran, den völlig hilflosen Gegner zu demütigen. 14 Tage später bekam man vom FC Bayern die Grenzen erneut aufgezeigt. Und weitere zwei Wochen später hätte man in Gelsenkirchen einen versöhnlichen Hinrundenabschluss feiern können. Doch als man nach katastrophaler erster Hälfte nach dem Wechsel besser in die Partie kam, ließ man sich mit dem dritten Gegentor wieder aus dem Konzept bringen und brach erneut völlig auseinander.
Die Tabellensituation
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| … | … | … | … | … |
| 3. | Schalke 04 | 17 | 38:22 | 34 |
| 4. | Borussia M’Gladbach | 17 | 25:11 | 33 |
| 5. | Werder Bremen | 17 | 30:31 | 29 |
| 6. | Bayer Leverkusen | 17 | 22:22 | 26 |
| 7. | Hannover 96 | 17 | 20:24 | 23 |
| … | … | … | … | … |
Personalien
Beginnen wir doch bei den Personalien mit dem Positiven und bringen die Nackenschläge – ähnlich wie beim Bremer Saisonverlauf – zum Schluss. Der Knaller in dieser Hinrunde war einmal mehr Claudio Pizarro. Der Peruaner erzielte am elften Spieltag in Mainz seinen 150. Bundesligatreffer und ist mit 19 Scorerpunkten (12/7) an rund zwei Drittel aller Werder-Tore direkt beteiligt. Auch beim Kicker-Notendurchschnitt zeigt sich der Wert des 33-Jährigen. Nach seinen 2,71 (TopTen der Liga!) kommt lange kein Feldspieler, der nächste Clemens Fritz (3,32) ist im Schnitt über eine halbe Note schlechter.

Leihgabe Sokratis schlug voll ein /Foto: www.zaunsturm1905.de
Die weiteren tragenden Säulen des Teams findet man witzigerweise bei den defensiveren Spielern. Der angesprochene Clemens Fritz blüht mit der Kapitänsbinde auf, Comebacker Naldo lieferte zwölf meist starke Vorstellungen ab und auch die Leihgabe Sokratis entwickelte sich auf der Außenbahn auf Anhieb zur Stammkraft. Das war’s dann aber auch schon fast mit den Lichtblicken. Nach dem Abgang von Per Mertesacker zum FC Arsenal müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob alles für einen Ersatz getan wurde. Andreas Wolf wurde vom FC Nürnberg verpflichtet, gehobenes Bundesliganiveau schaut aber anders aus. Kämpferisch ist dem 29-Jährigen nichts vorzuwerfen, spielerisch wirkt er aber häufig wie ein Fremdkörper, neben Naldo fast wie die “dunkle Seite” des Brasilianers. Lichtblick Sokratis, der eigentlich eher auch ein Innenverteidiger ist, muss auf der dünn besetzten rechten Außenbahn ran.
Back to the Raute
Das eigentliche Problem hat der SV Werder aber – wie nach den Abgängen von Diego und Özil eigentlich jede Saison – im Mittelfeld. Weder Marko Marin noch Mehmet Ekici scheint in der Lage, auch nur ansatzweise die spielerische Extraklasse der vergangenen Jahre im Werder-Mittelfeld verkörpern zu können. Marin begann die Saison auf der Zehn recht erfolgreich, stand bei den vier Siegen in den ersten fünf Spielen in der Startformation. Danach machte keiner der beiden mehr als drei Spiele am Stück. Als beide zum Hinrundenende verletzt waren, durfte Trinks in den letzten beiden Spielen ran. Davor tat das “endlich wieder mit zwei Stürmern” vor allem Claudio Pizarro gut, der Peruaner sucht aber immer noch seinen Sturmpartner. Arnautovic und Rosenberg waren zwar keine Ausfälle, erzielten gemeinsam aber nur 9 Treffer (Pizarro alleine 12). Richtig durchsetzen konnte sich im vordersten Angriffsdreieck also keiner. Auf den beiden Außenbahnen hieß die Startformation in 15 von 17 Spielen Clemens Fritz und Aaron Hunt. Letzterer füllte seinen offensiveren Part nicht so stark aus wie der Kapitän der Elf seinen defensiveren, insgesamt fehlte aber von beiden Seiten die Unterstützung des zentralen Offensivspielers. Und dahinter scheitert Philipp Bargfrede regelmäßig am Erbe des Thorsten Frings.
Eigentlich liest sich der Mittelfeldkader gut. Mit Bargfrede hat man einen entwicklungsfähigen Spieler, der bereits seine dritte Bundesligasaison spielt. Wesley ist ein technisch beschlagener, lauffreudiger und zweikampfstarker Spieler, Ekici und Marin sind Nationalspieler, die in der Vergangenheit ihre herausragenden Qualitäten bereits unter Beweis stellen konnten. Hunt ist zwar in seinen Leistungen schwankend, zeigt aber meist mehr Licht als Schatten. Dazu kommt der sehr flexibel einsetzbare Ignjovski, der alleine in dieser Hinrunde schon auf vier verschiedenen Positionen spielte (auf beiden Außenbahnen jeweils in der Viererkette und in der Mittelfeldraute). Was fehlt also?

Claudio Pizarro spielt bisher eine überragende Saison /Foto: www.zaunsturm1905.de
Wie schon in der Vorsaison fehlt mir die brachiale Offensivpower. Ein Claudio Pizarro in Galaform reicht nicht. Die Mannschaft denkt insgesamt noch sehr offensiv, ohne allerdings die Offensivqualität vergangener Tage zu besitzen. In den vergangenen vier Jahren wurden fast 35 Millionen Euro in die Diego-Nachfolge investiert, einzig Mesut Özil passte in diese Fußstapfen und der war nach zweieinhalb Jahren schon wieder weg. Wirtschaftlich durchaus lukrativ, sportlich aber im Nachhinein eine Katastrophe. Carlos Alberto geht sowohl als teuerster Einkauf als auch als teuerstes Missverständnis in die Vereinsgeschichte ein. Marko Marin war nur wenig günstiger, zeigte aber auch viel zu selten Leistungen der Extraklasse. Wesley ist auf dem besten Weg, seinem vorhin erwähnten Landsmann nachzueifern und Mehmet Ekici darf man noch ein wenig Zeit geben. All das sind sicher Spieler mit gehobenem Bundesliganiveau, mehr aber auch nicht. Sie beisammen stehen für Platz fünf bis acht und genau da steht Werder im Moment. Dem Kader fehlt die Extraklasse, um sich wie in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts vom gehobenen Mittelmaß abzuheben.
Zu- und Abgänge
Aus dem eigenen Kader scheint diese Extraklasse in naher Zukunft nicht kommen zu können, Neueinkäufe zur Winterpause schließt Manager Allofs aber aus: “Nur wenn ein außergewöhnlicher Spieler auf dem Markt ist, werden wir uns Gedanken machen”. Trotzdem gibt es “Quasi-Neuzugänge”. Sebastian Boenisch und Mikael Silvestre werden nach überstandener Knieverletzung wieder in den Kader zurückkehren, auch bei Denni Avdic steht eine Rückkehr in Aussicht. Alle drei machten noch kein Saisonspiel, keiner der drei steht aber für die so dringend benötigte Extraklasse im Angriff.
| Dagegen droht in der Winterpause sogar weiterer Qualitätsverlust. Der Vertrag von Claudio Pizarro läuft zwar im kommenden Sommer nicht aus, der Torjäger hat aber eine Option zur vorzeitigen Beendigung des Vertrags im Sommer 2012. Klaus Allofs betonte zwar, im Winter keine Spieler abgeben zu wollen, doch Pizarro kokettierte in der Vergangenheit öfter mit einem Abschied aus Bremen. Und wenn der Sturmführer mit einem Wechsel liebäugelt, warum soll dann der Abwehrchef bleiben? Kurz vor dem Abflug ins Trainingslager nach Belek erlangte Naldo die Erkenntnis, dass man in Brasilien einerseits genau so viel Geld verdienen könne wie in Europa und sich andererseits viel besser für die WM 2014 im eigenen Land empfehlen könne. Der Brasilianer möchte sich im Trainingslager mit Klaus Allofs über einen sofortigen Wechsel zu Internacional Porto Alegre unterhalten. Damit stößt er naturgemäß auf wenig Gegenliebe bei Schaaf und Allofs. Gerüchten zufolge gab es auf dem Trainingsplatz in Belek eine hitzige Diskussion zwischen Naldo und den beiden sportlich Verantwortliche, nach der sich der Verteidiger erst mal verletzt abmeldete. | Naldos spielerische Qualitäten würde Werder fehlen /Foto: www.zaunsturm1905.de |
Trainer und Umfeld
Egal wie: Beide Wechsel sollten tunlichst verhindert werden, möchte man Werder nicht durch den Verkauf seiner beiden letzten Ausnahmespieler endgültig im Mittelmaß versenken. Das wird die nächste große Aufgabe für Klaus Allofs und Thomas Schaaf sein, die beide gerade ihre eigenen Verträge (Schaaf bis 2014, Allofs bis 2015) verlängert haben. Ein Drahtseilakt, bedenkt man, dass man beide nicht mit großartigen finanziellen Versprechen locken kann. Willi Lemke gab zum Thema “Budget” einen seiner Lieblingssätze ins Mikro: “Schulden werden wir nicht machen”. Das entspricht natürlich vollauf der Werder-Philosophie, macht aber Verhandlungen mit zwei Top-Spielern im Winter, wenn man eventuelle Europapokaleinnahmen der Folgesaison nicht mal im Ansatz einschätzen kann, schwer.
Klaus Allofs steht vor einer Herkulesaufgabe /Foto: SV Werder Bremen |
Die direkt anschließende Aufgabe der sportlichen Führung ist dann sicher nicht einfacher, bietet aber unglaublich viele Möglichkeiten. Im Sommer, wenn sage und schreibe zwölf Verträge auslaufen, kann man die Einnahmensituation in der kommenden Saison gegen Saisonende etwas besser einschätzen. Tim Wiese und Clemens Fritz haben bereits die Bereitschaft zur Verlängerung signalisiert. Sie beide sind wichtige Stützen der Mannschaft, die ihren Verbleib in Bremen aber mit Sicherheit von der übrigen Kaderplanung abhängig machen werden. Deswegen wird eine weitere, wichtige Aufgabe sein, den bisher nur vom FC Genua ausgeliehenen Sokratis per Kaufoption fest zu binden. Und was dann? An der Verlängerung oder Nicht-Verlängerung der Verträge von Sebastian Boenisch, Sebastian Prödl, Markus Rosenberg und Lennart Thy wird man die Struktur der neuen Mannschaft ablesen können. Trennen wird man sich (hoffentlich) von Christian Vander, Mikael Silvestre und Tim Borowski, da hier die Perspektiven nicht mehr gegeben sind. |
Dieser Kaderumbruch bietet Schaaf und Allofs eine große Chance, ist aber auch die Verpflichtung, an der sich beide messen lassen müssen. Mit den oben genannten Abgängen, den Gehaltseinsparungen von Frings und Mertesacker sowie der Ablöse für den Nationalverteidiger ist ein wenig finanzieller Spielraum vorhanden, um dem Kader einiges an frischem Blut zuzuführen. Vielleicht kehrt ja wieder ein wenig des alten Werder-Gespürs zurück und es gelingt wieder mal ein Königstransfer der Marke Micoud, Diego oder Özil. Oder die Transfers heben Mehmet Ekici in diesen Stand? Es ist bitter nötig um das Mittelmaß zu verhindern.
Saisonziel und Prognose
Das Saisonziel muss ohne “Wenn” und “Aber” Platz vier heißen. Behält das Team seine Heimstärke auch nur annährend und man lässt sich auswärts das ein oder andere Mal weniger zerfleischen, ist das realistisch, auch weil z.B. Gladbach wahrscheinlich nicht nochmal 33 Punkte in einer Halbserie sammeln wird. Meine Prognose? Das wird nix und Werder qualifiziert sich für die Europa League.
Mein Tipp: Platz 4-6.
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