[Rezension] Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen - Eine Geschichte der Fussballtaktik
6. Januar 2012, 19:57 geschrieben von Jaqui, abgelegt unter Rezensionen, Int-Fussball.
Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik; Übersetzung: Markus Montz; Verlag: http://www.werkstatt-verlag.de ; 464 Seiten; ISBN: 978-3-89533-769-7; 2. Auflage 2011; 19.90 Euro
“Am Anfang war das Chaos, und der Fußball war wüst und leer …” Zu den Anfangszeiten des Fußballs war von Taktik weit und breit nichts zu sehen. Jonathan Wilson startet in seinem ersten von 17 Kapiteln in den 1870er Jahren, als der Fußball noch in den Kinderschuhen steckte. Vom ersten taktischen System soll erst einige Jahre später die Rede sein, aber der Fußball hat sich seither revolutioniert. Wer denkt, dass ein 464seitiges Werk über die Geschichte der Taktik ermüdend sein muss, wird eines Besseren belehrt. Indem er Bezug auf die jeweilige Zeit nimmt, sich mit den Trainern, den Teams und deren Mannschaften auseinandersetzt und dies im Buch auch so darstellt, hat man das Gefühl, man würde neben Legenden wie Wiktor Maslow, Helenio Herrera, Walerij Lobanowskyj, Rinus Michels oder Arrigo Sacchi stehen. Doch auch viele weniger prominente Personen, welche die Geschichte des Fußballs geprägt haben, finden ihre Erwähnung in diesem Buch. Mit vielen Aufstellungs-Schemata, welche die Taktiken veranschaulichen, führt der Autor dem Leser die einzelnen Spieler und die Ausrichtung der jeweiligen Mannschaften vor Augen.
Jonathan Wilson hat in “Revolutionen auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik” ein System gefunden, das den Leser zurück in die Geschichte des Fußballs versetzt. Bei jedem Kapitel befindet man sich wieder an einem anderen Ort, an dem ein neues System aus dem alten hervorging. Dadurch versteht es Wilson auch, dem Buch eine gewisse Spannung zu verleihen. In der Neuzeit wirft sich dem Leser zweifellos die Frage auf, wie es mit dem Fußball weiter geht.
5 Stürmer als Anfang
Das erste System, das sich durchsetzte, war das 2-3-5. Ein System, das heute kaum mehr denkbar wäre, das man heute im Rückblick auf die Anfänge des Fußballs als jugendlichen Leichtsinn einstufen würde. Doch in der damaligen Zeit hat dieses System funktioniert. Im allerersten Länderspiel trat Schottland noch mit einem 2-2-6 an, Gegner England praktizierte im Jahre 1872 gar ein 1-2-7. Aus diesen Systemen ging schließlich das 2-3-5, das sich im Verlaufe der Jahre in das WM- und später in das MM-System entwickelte, hervor.
vom 4-2-4 übers 4-4-2 bis zum Catenaccio
In der Folge wurde die Anzahl Defensivspieler immer weiter erhöht. So verwundert es nicht, dass Brasilien mit einem 4-2-4 auftrat, als sie bei der WM 1958 und 62 für Furore sorgten. Doch mit der Erfindung des Pressings wechselte man auf ein 4-4-2-System, wie man es von der Aufstellung her heute auch noch vereinzelt antrifft. Mit dem Schweizer Riegel, der später von den Italienern zum Catenaccio perfektioniert wurde, Begann das Zeitalter des Zerstörens: Die spielerisch weniger gut aufgestellten Mannschaften beschränkten sich vermehrt auf die Defensive und aufs Kontern, während die spielstärkeren Mannschaften mit dem Kurzpassspiel den Erfolg suchten.
Totaalvoetbal, die Neuzeit und die Zukunft
Mit dem Totaalvoetbal wurde die Spielausrichtung erstmals wieder offensiver. Doch Walerij Lobanowskyj sorgte für eine neue Art der Spielanalyse und fand dabei heraus, dass 4-4-2 mit einem defensiven Mittelfeldspieler das beste System sei. Doch schon wenig später versuchten die Engländer, den Kick and Rush zu verbreiten. Einige Vereine setzten diese Variante des Fußballs in Perfektion um, was für einige unansehnliche Spiele und viel Ärger bei Zuschauern und Experten sorgte. In der Neuzeit scheint sich der perfekte Fußball in Richtung Kurzpassspiel und viel Ballbesitz zu bewegen. Der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft werden daher von Jonathan Wilson als Väter des Totaalvoetbal im 21. Jahrhundert angesehen. In welcher Formation die Mannschaften in Zukunft auftreten, kann niemand vorhersagen. Das Ende des Buches möchte ich hier nicht vorwegnehmen, aber wer das Buch aufmerksam gelesen hat, kommt wohl letztlich zum gleichen Schluss wie Jonathan Wilson. Arrigo Sacchi ist es vorbehalten, das letzte Zitat des Buches sowie dieser Kurzzusammenfassung zu verfassen: “Solange es die Menschheit gibt, wird sich etwas Neues ergeben. Ansonsten wird der Fussball sterben.”
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