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[1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Hält Nürnberg die Klasse?

19. Januar 2012, 11:21 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Heute im MAG: der 1. FC Nürnberg. Eine mehr als durchwachsene Hinrunde liegt hinter den Franken. Reicht es für Dieter Hecking und den Club zum Klassenerhalt?


1. FC Nürnberg


Die Hinrunde

Die Hinrunde des Club lässt sich in drei – keineswegs gleich große – Teile aufsplitten: Vor der Krise, in der Krise, nach der Krise. Die Serie begann für die Franken nämlich ähnlich überzeugend wie die Spielzeit 2010/11 verlaufen war. Der Vorjahressechste kam gut in die neue Saison, siegte in Berlin und Köln, sowie zuhause gegen Augsburg, stand nach den ersten fünf Spielen auf Platz 7. Mit defensiver Geschlossenheit, Zweikampfstärke und Aggression machten die Franken es den Gegner unglaublich schwer zu Torchancen zu kommen. Die Kompaktheit im Spiel gegen den Ball machte die Stärke der Franken aus. Da fiel es nicht ins Gewicht, dass bereits zu diesem Zeitpunkt nur zwei Vereine weniger Tore erzielt hatten.

Doch es folgte der Bruch. Festzumachen ist der weniger am Beginn der Serie von acht Spielen ohne Sieg, sondern an deren zweiten Spiel. In Gladbach war der FCN in allen Belangen unterlegen, erspielte sich in 90 Minuten keine einzige Torchance, verlor durch einen Foulelfmeter. In den folgenden Spielen wirkte es, als hätte die Niederlage die Luft aus dem Ballon „FCN-Höhenflug“ gelassen. Die vorher stabile Defensive begann zu schwimmen. Festzumachen war dies vor allem an der Innenverteidigung um Philipp Wollscheid und Neuzugang Timm Klose. Zuvor ein Bollwerk der Stabilität, leisteten sich die beiden in der Folge zum Teil katastrophale, spielentscheidende Fehler.

Letztes Jahr in Nürnberg: Philipp Wollscheid/ Foto: www.zaunsturm1905.de

Verstärkt wurde die Defensivkrise dann durch den Ausfall von Fixpunkten wie Kapitän Raphael Schäfer (und dessen Vertreter Patrick Rakovsky) oder Javier Pinola. Deren Ersatzleute Alexander Stephan und Marvin Plattenhardt bewiesen in der Folgezeit eindrucksvoll, dass sie nicht in der Lage sind, auf dem gleichen Niveau wie die Stammspieler zu agieren. Pinola und Schäfer waren nicht die einzigen Verletzten, die zu beklagen waren, so dass Hecking immer wieder seine Mannschaft umbauen musste und das Team keinen Rhythmus fand.

Ob es allein daran lag, dass das Offensivspiel nie in Fahrt kam, kann allerdings bezweifelt werden. Sechs Mal blieb der FCN in der Hinrunde völlig ohne eigenes Tor, nur vier Mal schaffte man mehr als ein eigenes. Der Grund dafür ist zweigeteilt: Auffällig ist zum einen, dass sich der 1. FC Nürnberg nur wenige Torchancen erspielt. Zu selten gelingt es dem Team mit überraschenden, kreativen Momenten die gegnerische Abwehr vor Probleme zu stellen. Mit 72 Chancen stehen in der Rangliste nur Augsburg (70) und Köln (61) hinter den Mannen von der Noris. Doch im Gegensatz zu den Kölnern, die knapp 42,5% der Chancen im Tor unterbringen, treffen die Franken nur 23,6% ihre Schüsse, nur vier Teams in der Liga sind noch schlechter. So ist es nicht verwunderlich, dass nur Augsburg und Kaiserslautern weniger Tore als der Club erzielt haben und auch nur die Lauterer einen Top-Torschützen haben, der noch weniger oft getroffen hat als der Nürnberger Tomas Pekhart.

Trotz schwacher Quote: Bester Torjäger, bester Scorer – Tomas Pekhart/ Foto: www.zaunsturm1905.de

Jene Lauterer waren es auch, welche die Krise der Nürnberger beendeten. Sie kamen nach acht sieglosen Spielen der Franken ins ehemalige Frankenstadion und boten keine Gegenwehr, so dass dem FCN eine solide Leistung zum Sieg genügte. Ab diesem Erfolg spielte der FCN in der Liga weiterhin durchwachsen, aber besser. Geschuldet war dies auch einer Verbesserung der Innenverteidigung, erzielt zum einen durch den Wechsel von Timm Klose auf Dominic Maroh, zum anderen dadurch, dass Philipp Wollscheid seinen Wechsel zu Bayer Leverkusen bekannt gab und eine große Last von ihm abgefallen zu sein schien. Mental frei und unblockiert spielte der Shooting-Star der vergangenen Rückrunde wieder so sicher und abgeklärt wie zuvor.

Am Ende der Hinrunde stand ein überraschender Sieg in Leverkusen und die Ankunft bei 18 Punkten. Hätte am Ende der Serie nicht das peinliche Pokalaus im eigenen Stadion gegen den Lokalrivalen aus Fürth gestanden, es wäre ein versöhnliches Ende einer unterdurchschnittlichen Hinserie gewesen. So bekamen die Nürnberger am Ende des Jahres noch einmal vorgehalten, dass der Unterschied zwischen dem Keller der Ersten und der Spitze der Zweiten Liga nicht groß ist und dass es noch lange nicht sicher ist, dass man auch im kommenden Jahr erstklassig spielen wird.

Platz: 15
Punkte: 18 – 5S/3U/9N
Heim: 9 – 2/3/3
Auswärts: 9 – 3/0/6
Bester Schütze: Pekhart 4
Bester Scorer: Pekhart 8 – 4 Tore/4 Vorlagen
Zuschauerschnitt: 39.834 / Auslastung:82,1 %
Fair-Play-Wertung: Platz 11 / 45 Punkte



Personalien

Die Personaldiskussionen in Nürnberg drehten sich die gesamte Hinrunde größtenteils um das Personal, das nicht auf dem Platz stand – teilweise, weil es den Verein verlassen hatte, teilweise, weil es verletzt war. So kreiste die Diskussion schon vor Beginn der Saison darum, ob der FCN die Transfers von Gündogan, Ekici, Wolf und Schieber verkraften könnte. Hatten sich die mahnenden Stimmen nach der anfänglichen Siegesserie schon fast verzogen, kamen sie nach der Sieglos-Serie mit voller Wucht zurück. Schließlich bewies diese Saisonphase, dass ein vollständiger und gleichwertiger Ersatz von gleich vier Stammkräften in so kurzer Zeit nahezu unmöglich ist. Besonders im Mittelfeld fiel es dem FCN schwer, die Abgänge zu kompensieren. Dies zeigte sich nicht nur in den bereits beschriebenen Probleme in Sachen Kreativität und Chancenerarbeitung, sondern auch daran, dass Trainer Hecking eine Vielzahl von Akteuren im zentralen Mittelfeld – also am alten Arbeitsplatz von Ekici und Gündogan – einsetzte.

Doch außer Veteran Timmy Simons spielte sich niemand wirklich im zentralen Mittelfeld fest, denn auch wenn Jens Hegeler oder Almog Cohen auf relativ viele Spiele kamen, so wurden sie doch oftmals zurecht ob ihrer schwankenden Leistungen ein- oder ausgewechselt. Ähnliches gilt auch für Markus Feulner oder Daniel Didavi. Wobei zu sagen ist, dass Letzterer unter all den Einäugigen im Nürnberger Mittelfeld derjenige war, der noch etwas Sehkraft auf dem anderen Auge vermuten ließ. Die Leihgabe aus Stuttgart deutete an, dass er die Lösung des Kreativproblems sein kann, war aber zehn Spieltage lang mit einer Meniskusverletzung außer Gefecht gesetzt. Unterstützung in der Zentrale soll nun durch einen Neuzugang kommen. Hanno Balitsch, bei Leverkusen aussortiert, kam in der Winterpause ablösefrei zum 1. FC Nürnberg.

Der 31-Jährige soll der defensiven Zentrale mehr Stabilität geben und damit auch nach vorne mehr Sicherheit ausstrahlen. Sportlich dürfte der Wert von Balitsch, sobald er von einem Muskelfaserriss genesen ist, unbestritten sein, er kann dem FCN auf jeden Fall weiterhelfen und könnte auf dem Feld eine Schlüsselrolle einnehmen. Viel interessanter dürfte jedoch Balitschs Entwicklung außerhalb des Platzes sein. Immerhin musste der Südhesse vor seiner Unterschrift noch atmosphärische Differenzen mit seinem neuen Trainer, der auch in Hannover schon sein Übungsleiter war, klären. Diese rührten noch aus einer Auseinandersetzung zwischen beiden zu Hannoveraner Zeiten her, sie zeigen aber auch, dass Balitsch in Sachen Persönlichkeit absolut standfest und meinungsstark ist. Eigenschaften, die der Mannschaft der Nürnberger, die oft zu brav und angepasst daherkommt, durchaus gut zu Gesicht stünden.

Königstransfer? – Hanno Balitsch kommt aus Leverkusen/Foto: www.zaunsturm1905.de

Neben Balitsch hat auch der Tscheche Adam Hlousek in der Winterpause seinen Weg nach Nürnberg gefunden. Der Ex-Lauterer soll auf der linken Seite sein Zuhause finden, zunächst als Linksverteidiger. Nachdem Javier Pinola von seiner Schambeinentzündung genesen ist, dann eine Station weiter vorne im linken Mittelfeld. Hlouseks Verpflichtung bedeutet auch, dass sich Pinola-Ersatz Marvin Plattenhardt (19) wohl auf der Bank wiederfinden wird. Es wäre keine überraschende Entscheidung, da der U20-Nationalspieler bislang in kaum einem seiner fast 20 Bundesligaspiele Erstligatauglichkeit an den Tag legte. Defensiv zu unsicher, offensiv zu durchsetzungsschwach, lediglich in Sachen Standards hat der Verteidiger bislang Bestwerte.

Ähnliche Urteile wie über Plattenhardt dürften auch über eine Reihe anderer Jungprofis des FCN zu fällen sein: Mendler, Wießmeier und Kamavuaka absolvierten alle mindestens fünf Spiele, zeigten aber auch, dass der Sprung in die Bundesliga für sie (noch) zu hoch ist. Ob man am Ende ein ähnliches Urteil auch über Spieler wie Timm Klose oder Robert Mark fällen muss, bleibt abzuwarten. Beide hatten – auf völlig unterschiedlichen Positionen – durchaus lichte Momente, konnten sich aber Stand Winterpause in einem keineswegs übermächtigen Feld auch nicht festspielen.

Gleiches gilt nicht für zwei Neuzugänge: Tomas Pekhart und Alexander Esswein sind in der Offensive klare Stammkräfte und dürften nach der im Trainingslager geplanten Umstellung von 4-2-3-1 auf 4-4-2 bis auf weiteres das Sturmduo der Franken bilden. Auch wenn bei beiden noch ordentlich Entwicklungsspielraum vorhanden ist, so sind die zwei doch – aller Kritik durch Teile der Anhängerschaft zum Trotz – in der Hinrunde zu festen Größen avanciert. So arbeitete der tschechische Nationalspieler Pekhart sich in jedem Spiel auf, lief viel, schirmte Bälle ab und versuchte Aktionen einzuleiten. Teilweise ließ er sich in seinen Bemühungen aber zu sehr nach außen ziehen und schlug Flanken in den Strafraum, genau dorthin, wo sein eigentlicher Arbeitsplatz ist. Vielleicht steht nach der Änderung auf ein 4-4-2 dann dort, wo Pekhart die Bälle hinflankt, der zweite Stürmer.

Alexander Esswein verzückte die Nürnberger Fans mit seiner unglaublichen Geschwindigkeit – sein Tor gegen Augsburg ist ein Paradebeispiel für die Anwendung des Tempos – gleichzeitig brachte er die Fans aber auch zur Weißglut, da er sich immer wieder verdribbelte und mannschaftlich unkluge Entscheidungen im Strafraum traf. So fehlt dem U21-Nationalspieler noch die Fähigkeit, einschätzen zu können, wann ein Abspiel und wann ein Abschluss erforderlich ist. Gerade das Abspiel sucht der 21-Jährige noch zu selten. Findet er die richtige Balance, so könnte auch Tomas Pekhart als Essweins Sturmpartner davon profitieren. In der Hinrunde litt der Tscheche zum Teil stark darunter, dass er auf Grund der fehlenden Flanken seine offensive Kopfballstärke nicht ausspielen konnte und so nur auf vier Tore kam.

Stellt Hecking wirklich auf ein 4-4-2 um – und übt es im Trainingslager nicht nur als Alternative ein; beide Alternativen sind als Interpretation vor dem Rückrundenstart zulässig – dann steht und fällt der offensive Erfolg mit den Außenspielern. Daher liegt besonderes Augenmerk auf Spielern wie Mak, Chandler, Hlousek, Pinola, Eigler und Frantz. Ihnen wird es obliegen, Pekhart mit hohen und Esswein mit flachen Anspielen in Szene zu setzen und selbst den einen oder anderen Nadelstich in Richtung gegnerisches Tor zu setzen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass auch der passsichere Daniel Didavi, wie schon zu Stuttgarter Zeiten, auf den Außenbahnen eingesetzt wird. Gerade weil Heckings 4-4-2 ein System ohne Zehner ist, könnte Didavi dieses Schicksal blühen.

Auf der defensiven Seite des Spielfelds ist es wichtig, dass sich möglichst schnell eine eingespielte Vierekette findet, die nach momentanem Stand idealiter Chandler-Wollscheid-Maroh-Pinola heißen würde. Aufgrund der Verletzungen von Chandler und Pinola ist diese Eins-A-Formation jedoch nicht vor Mitte Februar zu erwarten, so dass sich bis dahin auch völlig überraschende Alternativen entwickelt haben können. Denn auch wenn die Hinrunde nicht sonderlich gut war und es viele Verletzungen zu beklagen gab, so stellte sich zumindest heraus, dass das Leistungsniveau innerhalb des Kaders nicht allzu weit abfällt und das Ersetzen von Verletzten zu keiner großen Qualitätsveränderung führt.

Trainer und Umfeld

Das überraschendste an der Hinrunde war mit Sicherheit, dass in keinem der vier Nürnberger Leitmedien auch ein Hauch von Zweifel an Trainer Dieter Hecking aufkam, selbst nach dem achten sieglosen Spiel blieb der Westfale völlig unangetastet. Auch innerhalb des Fanlagers ist die Stimmung noch deutlich Pro-Hecking, auch wenn hier gewisse Kritik an seinen Entscheidungen laut wurde. Dies hat sicherlich damit zu tun, dass der Arbeiter Hecking wenig polarisiert. Er ist weder Klavier spielender Schöngeist noch Konzepttrainer noch Zyniker von Weltniveau wie seine Vorgänger, sondern einfach nur Fußballlehrer.

Noch unumstritten – Dieter Hecking/Foto: www.zaunsturm1905.de

Durch seine extrem stoische Ruhe und seine Unaufgeregtheit tut er dem sonst so hektischen Umfeld des FCN sicherlich gut, ob man dies für seine Entscheidungen auf dem Platz immer sagen kann, bleibt offen. Einen möglichen Gang in die zweite Liga würde der FCN sicherlich ohne Hecking antreten. Gelingt ihm aber erneut – wie im Jahr seines Amtsantritts – ein Klassenerhalt nach schwacher Rückrunde, eine Karriere als „Schaaf von Nürnberg“, wie es in einem Boulevard-Blatt zu Saisonbeginn hieß, ist nicht auszuschließen. Vielleicht ist es auch das im Umfeld durchaus vorhandene Gefühl, dass man nur noch diese eine schwierige Saison zu durchstehen hat, um sich dann in der Liga etablieren zu können, die Hecking mehr Kredit gibt als seinen Vorgängern.

Wie schnell die Stimmung jedoch umschlagen kann, zeigte sich im Pokalachtelfinale gegen den Lokalrivalen aus Fürth. Nachdem das Spiel im heimischen Stadion sang- und klanglos verloren wurde, entlud sich der Frust eines Teils der Anhängerschaft in einem Platzsturm, der erst durch die Polizei gestoppt wurde. Ein Urteil des DFB in dieser Sache wird noch erwartet, mit einem Teilkurvenausschluss im Stehplatzbereich muss aber wohl gerechnet werden.

Die Saisonziele, Prognose

Es kann knapp werden, sehr knapp. Das fränkische Albtraumszenario einer Relegation zwischen Club und Kleeblatt, eine Wiederholung des Pokalachtelfinals, ist kein Hirngespinst, sondern keineswegs unrealistisch. Eins scheint aber auf Grund der Schwäche der Konkurrenz relativ sicher: Der 1. FC Nürnberg steigt nicht direkt ab; es sei denn, das Verletzungspech bleibt den Franken weiter massiv treu. Kommt man mehr oder weniger intakt durch die Saison, steht am Ende Platz 12 bis 16, mehr dürfte aufgrund der Offensivschwäche nicht herausspringen. Das entspräche auch den Vorstellungen der Verantwortlichen, die das Jahr immer als Übergangsjahr konzipiert hatten und lediglich auf den Klassenerhalt hoffen. Das kann gelingen. Wenn nicht, droht Nürnberg nicht nur der totale Umbruch, sondern auch eine verlängerte Zweitklassigkeit.


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