[1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Kaufrausch in Niedersachsen - Der VfL Wolfsburg
16. Januar 2012, 08:12 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
VfL Wolfsburg
In Teil sieben unserer Winterpausenbilanz besuchen wir den türkischen Basar der Bundesliga in Wolfsburg. Felix Magath kauft und kauft, widerwilliger Weise verkauft er auch mal und kauft dann fröhlich weiter. Aus den (bisher) acht Neueinkäufen ließe sich fast eine komplette Startelf zusammenbauen, runde 30 Millionen Euro hat der Trainer und Manager in Personalunion mittlerweile investieren dürfen. Das MAG beleuchtet nicht nur die sportliche Seite dieser Kaufwut.
Die Hinrunde
Acht Spieltage vor Saisonende 2011 übernahm Felix Magath zum zweiten Mal in seiner Karriere den VfL Wolfsburg. Den Verein, den er 2009 sensationell zur Deutschen Meisterschaft geführt hatte. Er nutzte die acht Partien, um den Club von Rang 17 auf einen Nicht-Abstiegsplatz zu führen. Dies gelang dank eines Erfolges am letzten Spieltag in Hoffenheim, die zu diesem Zeitpunkt bereits gedanklich ihren Sommerurlaub angetreten hatten. Eine Saison zum Vergessen also. Zeit für einen Neuanfang, der aber zumindest in der abgelaufenen Hinrunde in die Hose ging. Schon vor dem ersten Saisonspiel musste Magaths Truppe den ersten Rückschlag einstecken, als man beim Regionalligisten RB Leipzig in der ersten Pokalrunde die Segel strich. Nicht ganz freiwillig durfte sich der VW-Club also sehr früh ganz auf die Bundesliga konzentrieren. Das gelang nur bedingt.
Dem guten Saisonstart, dem 3:0 in Köln und der damit verbundenen Tabellenführung, folgte eine Niederlagenserie von drei Spielen (gegen München, in Gladbach und Freiburg), die das Team schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holte. Diese Talfahrt konnte man zwar mit dem Heimsieg gegen Schalke stoppen, dem folgte aber ein feines Wechselspiel aus Auswärtsniederlagen und Heimsiegen. Zur Halbzeit der Hinrunde saß der VfL in der unteren Tabellenhälfte fest. Erst am zehnten Spieltag gelang es mit dem 1:1 in Hamburg in zwei aufeinander folgenden Spielen jeweils zu punkten. Das sollte aber die einzige “Serie” dieser Art in der Hinrunde bleiben. Zwei Niederlagen – zu Hause gegen die Hertha und eine Klatsche in Dortmund – wiesen schnell wieder in Richtung Wechselhaftigkeit. Sieben Punkte aus drei Heimspielen standen in den letzten fünf Partien zwei Auswärtsniederlagen gegenüber. Das bedeutete zu Weihnachten Rang 12.
Die Tabellensituation
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| … | … | … | … | … |
| 10. | 1. FC Köln | 17 | 27:35 | 21 |
| 11. | Hertha BSC | 17 | 24:26 | 20 |
| 12. | VfL Wolfsburg | 17 | 23:34 | 20 |
| 13. | Hamburger SV | 17 | 21:27 | 19 |
| … | … | … | … | … |
Magath planlos?
Passend zu seinem Team gab Felix Magath während der Hinrunde gelegentlich eine etwas merkwürdige Figur ab. Als es nach dem überaus mäßigen Saisonstart an den Spieltagen neun und zehn endlich mal zwei Spiele in Folge ohne Niederlage gab (ein Sieg gegen Nürnberg und ein Unentschieden gegen den damals Tabellenletzten aus Hamburg) überraschte Magath die Öffentlichkeit mit hoch gesteckten Zielen. Er redete über die Meisterschaft (spätestens 2014) und das Champions League-Finale! Prompt folgten die beiden Niederlagen gegen Berlin und in Dortmund, was den Übungsleiter ebenso prompt (und öffentlich!) an der Qualität und der Einstellung seiner Spieler zweifeln ließ. Spieler, die Magath übrigens häufig selbst verpflichtet hatte. Von bis dahin 120 Feldspieler-Startelfeinsätzen wurden 53 von Spielern geleistet, die Magath zu Beginn der Saison verpflichtet hatte.
Zwei Wochen und nur ein Bundesligaspiel später trauten die Journalisten ihren Ohren kaum. Der VfL hatte gerade mit einer überzeugenden Leistung das Niedersachsen-Derby gegen Hannover mit 4:1 gewonnen, überraschte die 96er mit einer engagierten Leistung und einem offensiven 4-3-3-System. Und schon hatte Magath es “immer gewusst”, hatte “eine Formation gefunden” und attestierte seinem Team: “Besser geht es nicht”. Weiter oben habe ich ja aber schon die mangelnde Konstanz der Mannschaft angesprochen, ihr Übungsleiter tat es ihr gleich. Etablierte Stammkräfte wurden aus dem Kader gestrichen und in die Regionalligamannschaft verbannt (Kyrgiakos, Helmes, Kahlenberg, Polak), Alexander Madlung bekam sogar nach dem Hannoversieg, bei dem er ein Tor beisteuerte, öffentlich sein Fett weg: “Wir haben den einen oder anderen Spieler in der Mannschaft, wie Alexander Madlung, der dazu neigt, nach einem guten Spiel kürzer zu treten.” Eine an Mobbing grenzende, unfassbare Entgleisung.
Der Saisonverlauf |
Platz: 12 |
| Punkte: 20 – 6 S/2 U/9 N | |
| Heim: 16 – 5/1/2 | |
| Auswärts: 4 – 1/1/7 | |
| Beste Schütze: Mandzukic 8 | |
| Bester Scorer: Mandzukic 11 – 8 Tore /3 Vorlagen | |
| Zuschauerschnitt: 28.019/ Auslastung: 93,4% | |
| Fair-Play-Wertung: Platz 14/ 48 Punkte |
Sein Team zeigte sich entsprechend dankbar, es setzte im folgenden Auswärtsspiel beim Tabellenletzten Augsburg eine 0:2-Schlappe – für den Aufsteiger war das am 14. Spieltag der erste Heimsieg der Saison. Anlass für gebürtigen Aschaffenburger, weiter Druck auf seine Spieler aufzubauen. Zunächst strafte er sein Team mit Ignoranz, schaute sich bis Mittwoch nach dem Augsburgspiel schweigend “intensive Zweikampfübungen” seiner Spieler an. Erst zwei Tage vor dem folgenden Heimspiel gegen Mainz brach er sein Schweigen und stellte sein Team auf den kommenden Gegner ein. Nach dem folgenden Unentschieden gegen die Rheinhessen offenbarte er seiner Mannschaft, dass “… Spieler das Team verlassen würden. Entweder die Spieler wechseln ganz den Klub oder sie landen bei der Regionalligamannschaft.”. Gleichzeitig begannen Namen von Winterpausenverpflichtungen die Runde zu machen. Geschickte Menschenführung sieht irgendwie anders aus.
Personalien
Bei diesem zumindest fragwürdigen Führungsstil verwundert es ein wenig, dass es dennoch Konstanten in Magaths Team gibt, die scheinbar dauerhaft die vom Coach geforderte Arbeitseinstellung an den Tag legen. So absolvierte Diego Benaglio 15 Hinrundenpartien, zwei Mal musste er verletzt Ersatzkeeper Hitz das Feld überlassen. Christian Träsch (17) beackerte lange mit Josué (16) das defensive Mittelfeld und wechselte am dreizehnten Spieltag auf die Rechtsverteidigerposition. Auf der linken Seite der Viererkette startete in allen Vorrundenspielen Marcel Schäfer und Torjäger Mario Mandzukic verdiente sich seine 16 Einsätze mit acht Treffern und drei Vorlagen.
Ansonsten sucht man vergeblich nach Konstanz. Magath probierte zwölf unterschiedliche Viererketten in der Startformation aus, testete acht verschiedene Innenverteidigerpärchen. Im Mittelfeld standen nach Josué und Träsch nur vier weitere Spieler in mehr als der Hälfte der Spiele in der Startformation – und dann oft nicht mal im angesprochenen Mittelfeld. Insgesamt setzte Magath 24 verschiedene Spieler ein, erst am 14. Spieltag begann erstmals die gleiche Formation wie am vorangegangenen Spieltag. Abgesehen von Torwart Benaglio erreichte kein Spieler einen besseren Kicker-Notendurchschnitt als 3,5.
Zu- und Abgänge – Stand 16.1.2012
Die Garanten des 2009er Erfolgs – sein Sturmduo Dzeko und Grafite – spielen mittlerweile in England und Dubai, Zeit also, eine neue Mannschaft aufzubauen. In feinster magath’scher Manier passiert das natürlich durch massive Neueinkäufe, zwölf an der Zahl waren es zu Saisonbeginn, fünf weitere Akteure stießen aus der vereinseigenen Amateurmannschaft und der A-Jugend zum Profikader. Aber Felix Magath hat einen Finanzchef, wie ihn sich jeder Teammanager nur wünschen kann. Nach – ich wiederhole mich – ZWÖLF Neuverpflichtungen im Sommer 2011 ruft VW-Boss Martin Winterkorn ganze sechs Monate später den “Beginn des Neuaufbaus” aus. In Zeiten von Finanzkrisen und Euro-Rettungsschirmen klingt dieses “Kohleschaufeln” wie Hohn und Spott. Um Herrn Winterkorn ein wenig zu unterstützen (“Ich tue mich schwer, mir alle Namen zu merken, aber ich weiß, wer woher kommt…”) listen wir hier mal alle Neuverpflichtungen auf … bei der Zuordnung von Gesicht zu Namen muss er aber auf die Unterstützung seines Teammanagers pochen.
Zugänge: Maximilian Arnold (eigene U19), Ferhan Hasani (Shkendija Tetovo), Petr Jiracek (Viktoria Plzen), Felipe Lopes (Nacional Funchal), Slobodan Medojevic (Vojvodina Novi Sad), Ricardo Rodriguez (FC Zürich), Giovanni Sio (FC Sion), Ibrahim Sissoko (Academica de Coimbra), Vieirinha (PAOK Saloniki)
Abgänge: Tolga Cigerci (ausgeliehen zu Borussia Mönchengladbach), Aliaksandr Hleb (FC Barcelona – war ausgeliehen), Thomas Kahlenberg (ausgeliehen zu Evian Thonon Gaillard FC)
Weitere Namen geistern aktuell durch die Wolfsburger Geschäftsstelle. Mit Vaclav Pilar von Viktoria Pilsen ist Magath eigentlich schon auf einem Nenner, der Spieler möchte gerne zu den Niedersachsen wechseln, der Transfer hakte aber an der etwas undurchsichtigen Ausleihsituation zwischen seinem Stammverein Pilsen und Hradec Kralove. Die ist mittlerweile geklärt, der Spieler hat die Freigabe. Jetzt ist es dem Felix aber zu spät, Pilar kommt erst im Sommer. Und die Zukunft von Lucas Barrios ist in Dortmund ja auch noch nicht geklärt. Wenn so ein Spieler auf dem Markt ist …
Bei den möglichen Abgängen seien an dieser Stelle nur die prominentesten Namen genannt. Srdjan Lakic steht vor einem Wechsel zum VfB Stuttgart. Patrick Helmes wird sich sicher eben so wenig mit der zweiten Mannschaft begnügen wollen wie Sotirios Kyrgiakos (Magath: “Er war gar nicht bereit, die ihm angedachte Führungsaufgabe zu übernehmen.”) und Patrick Ochs. Zudem steht ja auch noch Diego auf der Mitarbeiterliste Magaths. Der Brasilianer ist aktuell an Atlético Madrid ausgeliehen, vielleicht will er ja wieder zurück zu seinem alten Lehrmeister Thomas Schaaf. Nicht auszudenken, wenn Magath neben der winterkornschen Geldschatulle auch noch Transfererlöse für die Finanzierung seiner Kaufwut entdeckt.
Wer gehört wo hin?
Doch zurück zu den Neuverpflichtungen. Das müssen wir irgendwie sortieren. Der Brasilianer Felipe Lopez kommt für 2,5 Mio aus Portugal und soll den Zweikampf in der Innenverteidigung anfachen, nicht, dass hier durch Kyrgiakos’ Degradierung ins B-Team eine Lücke entsteht. Der 24-Jährige wird also in den Kampf mit Kjaer, Russ, Madluing, Chris und Thoelke eingreifen. Für die linke Abwehrseite kommt Ricardo Rodríguez aus Zürich, 6 Mio werden für den 19-Jährigen kolportiert. Der Schweizer mit spanischem Pass tritt in Konkurrenz mit Marcel Schäfer, der alle 17 Hinrundenspiele hinten Links bestritt, kann aber auch im linken Mittelfeld spielen.
Mit Slobodan Medojevic (2,5 Mio) und Petr Jiracek (4 Mio) kommen zwei Neue fürs defensive Mittelfeld. Eine Position, die eigentlich konstant von Träsch und Josué besetzt war, doch der Deutsche scheint wohl endgültig nach rechts hinten gerückt zu sein. Weitere Neuzugänge sind für die rechte Offensivseite Ibrahim Sissoko (1,5 Mio) und Vierinha (4,5 Mio), wobei letzterer als Offensivallrounder gilt. Sicher eine wichtige Eigenschaft in Magaths Wechselkarusell. Und auch für die linke Seite kommen mit Giovanni Sio (5,8 Mio) und Ferhan Hasani (0,7 Mio) zwei flexible Leute. Dabei geht das Eigengewächs Maximilian Arnold fast etwas unter, der 17-Jährige Zentral-Offensive wurde vorzeitig aus der eigenen U19 hochgezogen.
Trainer und Umfeld
Noch zwei Verteidiger und ein Torwart, dann hat Felix Magath sich die Option offen gehalten, zum Rückrundenbeginn gegen Köln ein komplettes Team aus Neuzugängen aufzubieten. Die bisherigen acht Wintereinkäufe sind mit runden und beeindruckenden 30 Mio Euro zu Buche geschlagen. Das ergibt inkl. der Einkäufe vor Saisonbeginn ein Transferminus von über 40 Mio Euro. Wohl dem Manager, der einen der größten Autokonzerne der Welt im Hintergrund weiß. Allerdings bleibt die Frage zu klären, was das Ganze mit dem so viel gerühmten “Financial Fair-Play” zu tun haben soll. Es ist schwer vorstellbar, dass diese gigantischen Summen bei einer (mit Ausnahme der Meistersaison und den anschließenden Einnahmen aus der Champions League) finanziell sowie sportlichen grauen Bundesligamaus auch nur annähernd durch Einnahmen gedeckelt werden können.
Der moralische Wert des magathschen Rauschzustandes wirft weitere Zweifel auf. Natürlich wird bei dem nicht gerade preiswerten verpflichteten Personal der ein oder andere Treffer dabei sein und es ist ebenso legitim für einen Trainer und Manager, dass er versucht, Schwachstellen im Kader auszumerzen. Doch welcher andere, seriös wirtschaftende Club kann es sich schon leisten, seinen Kader auf fast 40 Spieler aufzublähen und im Zweifelsfall gleich mehrere gestandene und begehrte Bundesligaspieler zu den Amateuren abzuschieben? Die Chancengleichheit scheint mir hier mir Füßen getreten und es gibt nicht wenige, die Felix Magath mit diesem Gebaren einen gepflegten “Fall auf die Fresse” wünschen.
Der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn macht eine ähnlich fragwürdige Figur, wenn er sich nach im Sommer investierten 20 Millionen Euro sechs Monate später hinstellt, vom “Beginn des Neuaufbaus” spricht und nochmal 30 Millionen raushaut. Wenn er auf die Frage “Kommt noch ein Hochkaräter” antwortet “Im Winter eher nicht” und dann noch zwei Spieler für 8,5 Mio und 5,8 Mio Euro finanziert. Nicht nur in Zeiten, in denen halb Europa unter der Finanzkrise ächzt, klingt das wie die berühmte “Peanuts”-Aussage des Herrn Ackermann. Und es stellt sich die Frage: Wenn die Hochkaräter nicht im Winter kommen, was passiert dann im Sommer in Wolfsburg?
Saisonziel und Prognose
Wenigstens zum Abschluss der Halbzeitbilanz des VfL Wolfsburg kann ich dann ein wenig aufs Sportliche zurück kommen. Sowohl mit dem “alten” als auch mit dem “neuen” Kader gehört der VfL natürlich nicht auf Platz 12 der Bundesliga. Vom Marktwert des Kaders her im oberen Tabellendrittel der Liga angesiedelt gehören die Niedersachsen auch genau da hin. Allerdings sind berechtigte Zweifel angebracht, dass sich der neu zusammengestellte Kader schon am kommenden Samstag dieser Aufgabe gewachsen sieht. Die Probleme, die dann natürlicherweise auftreten, werden dem Team zu Rückrundenbeginn gehörig zu schaffen machen und eine Platzierung in der oberen Tabellenhälfte sehr schwer machen.
Mein Tipp: Platz 9-12.

Kleine Korrektur: Der Kommentar mit den Peanuts stammt von Hilmar Kopper, seinerzeit Chef der Deutschen Bank im Zuge des Schneider-Skandals. Herr Ackermann als aktueller Chef der Deutschen Bank ist zwar ein solcher Spruch auch zuzutrauen, dieser geht jedoch nicht auf seine Kappe!
— SirOliver Jan 17, 09:00 #