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[1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Europa oder graues Mittelfeld für den VfB Stuttgart?

20. Januar 2012, 14:22 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Am vorletzten Tag der Serie blickt die MAG-Halbzeitbilanz auf eine Hinrunde des VfB Stuttgart zurück, die mehr Fragen offen ließ als beantwortete. Bei den Schwaben besteht eine Diskrepanz zwischen dem Eindruck, den das Team über weite Strecken machte, und seiner Punkteausbeute. Reicht es nun also für das internationale Geschäft, oder bleibt nur ein Platz im grauen Mittelfeld?


VfB Stuttgart

In Stuttgart weiß man mit der Hinrunde der Saison 2011/12 noch nicht so richtig etwas anzufangen. Mit Platz acht kann man an sich zufrieden sein, doch 22 Punkte und der Verlauf der ersten 17 Spiele trüben die Freude und sorgen eher für lange Gesichter. Denn der VfB hat viel zu viele Zähler liegen lassen und könnte bereits wesentlich besser dastehen. Dabei war der Start sehr verheißungsvoll: Im Auftaktspiel der neuen Saison, gleichzeitig das erste Spiel in der neuen Mercedes-Benz-Arena, wurde Schalke 04 mit 3:0 nach Hause geschickt. Danach folgten ein Unentschieden gegen Mönchengladbach und zwei 0:1-Pleiten zuhause gegen Leverkusen und beim Aufsteiger aus Berlin. Letzterer war der erste einer Menge ärgerlicher Punktverluste.

Unnötige Unentschieden gegen Nürnberg und Köln sowie die Niederlagen in Mainz, Wolfsburg und gegen den HSV sorgten dafür, dass Stuttgart nie das Tabellenmittelfeld verließ. Wie gut würde es aussehen, hätte man auch nur in zwei oder drei dieser Spiele besser gepunktet! Und dennoch: Für die Schwaben war vor Beginn der Saison klar, dass es ein weiteres Übergangsjahr sein würde, und dass man nach der Hinserie noch Kontakt zu den internationalen Plätzen hat, ist mittlerweile alles andere als selbstverständlich. Doch die Abwehr zeigte sich stabiler als erwartet; es war eher der Angriff, der zum Sorgenkind mutierte. So wartet man jetzt ungeduldig auf die Rückrunde, die einige offen gebliebene Fragen beantworten muss – erst dann kann ein fundiertes Urteil über diese Stuttgarter Mannschaft und auch über ihren Trainer gefällt werden.

Der Saisonverlauf

Platz: 8
Punkte: 22 – 6 S/4 U/7 N
Heim: 8 – 4/2/3
Auswärts: 11 – 2/2/4
Bester Schütze: Harnik 6
Bester Scorer: Harnik 11 – 6 Tore / 5 Vorlagen
Zuschauerschnitt: 57.2666 / Auslastung: 94,8%
Fair-Play-Wertung: Platz 10 / 44 Punkte

Tabellensituation

Pl. Verein Spiele Tore Punkte
6. Bayer Leverkusen 17 22:22 26
7. Hannover 96 17 20:24 23
8. VfB Stuttgart 17 23:20 22
9. 1899 Hoffenheim 17 19:19 22
10. 1. FC Köln 17 27:35 21

Personalien

Wenn wir beim Torwart starten, fangen wir auch gleich mit dem wohl besten VfB-Spieler der Hinserie an. Sven Ulreich ist endlich der Durchbruch als Bundesliga-Torhüter gelungen, da er bewiesen hat, dass er konstant gute Leistungen bringen kann. Einst als Lehmann-Nachfolger kläglich gescheitert, fiel sein Name plötzlich zeitweise schon im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft. Angesichts der Konkurrenz ist das bis auf Weiteres sicherlich nicht allzu ernst zu nehmen, und dennoch: Ein Torwartproblem haben die Stuttgarter wohl vorerst nicht mehr. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass man sich den Verkauf von Bernd Leno, der bei Ligakonkurrent Bayer Leverkusen herausragende Leistungen zeigte, erlauben konnte. Dass sich die Verantwortlichen lange geziert haben, dürfte weniger mit sportlichen Abwägungen als mit wirtschaftlichem Kalkül zu tun gehabt haben. Am Ende hat man erfolgreich gepokert: Nicht nur, dass ein Luxusproblem (wer braucht zwei junge Torwarttalente?) gelöst wurde, die Lösung hat auch noch zwischen sieben und acht Millionen Euro in die Kassen gespült. Letztlich klug gespielt, liebe Stuttgarter!

Sinnbildlich: Die Hinrunde war die Wiederauferstehung Sven Ulreichs /Foto: www.zaunsturm1905.de

Schon erwähnt hatten wir die überraschend starke Abwehr. Im Vorfeld der Saison in unserer MAG-Bundesligavorschau als große Schwäche ausgemacht, lag es auch an der Viererkette vor Ulreich, dass der VfB erträgliche 20 Gegentore kassierte. Der kurzfristige Einkauf Maza fand sich erschreckend schnell zurecht und brachte die Stabilität, die man seit der Verletzungsserie von Ex-Kapitän Delpierre so vermisst hatte. Mittlerweile ist der Mexikaner kaum wegzudenken, was in der Rückrunde noch zu Problemen führen könnte. Denn auch Tasci befand sich nach einer Phase der Stagnation in seiner Entwicklung in der Hinserie wieder auf dem richtigen Weg, und in der Winterpause meldete sich mit Mathieu Delpierre der eigentlich Abwehrchef zurück. Und zwar nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch mit sehr ansprechenden Leistungen in den Testspielen.

Im Mittelfeld überzeugte vor allem Neuverpflichtung William Kvist. Der Däne dirigierte klug und taugt auch als Staubsauger. So fragt in Stuttgart eigentlich niemand mehr nach Träsch, der sich vor der Saison Richtung Wolfsburg absetzte und dort seitdem wenig Überzeugendes zeigte. Kvist hingegen spielte in allen 17 Partien durch. Mit Kuzmanovic und/oder Gentner kann er so ein stabiles Gespann bilden, Hajnal sorgt weiter vorne für die kreativen Momente sowie Okazaki und Gebhardt beziehungsweise über weite Strecken auch Gentner über die Flügel für Druck. Die Offensive funktioniert aber nur bedingt: Kvist, Kuzmanovic, Gentner, Okazaki, Hajnal und Gebhardt erzielten zusammen gerade einmal acht Treffer. Gerade vom ungarischen Spielmacher hätte man sich noch mehr erwartet. Zwar war er noch nie ein Goalgetter, aber auch vier Vorlagen sind eine dünne Ausbeute.

So sind zwei Stürmer die bisherigen Topscrorer. Dass Cacau in dieser Statistik teamintern auf Platz zwei rangiert, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nationalspieler schon bessere Tage gesehen hat. Vier Tore und kein einziger Assist sind keine Bewerbung an Bundestrainer Jogi Löw. Sollte die Formkurve des gebürtigen Brasilianers in der Rückrunde nicht deutlich nach oben zeigen, wird er sich die Europameisterschaft im Sommer wohl vom Fernseher aus anschauen müssen. Sein Verein ist dagegen froh, dass ein anderer die Offensive am Leben erhielt: Mit sechs Treffern und fünf Torvorlagen war Martin Harnik an fast der Hälfte aller Stuttgarter Treffer direkt beteiligt. Der Österreicher war auch derjenige, der am konstantesten für Gefahr in den gegnerischen Strafräumen sorgte – ein beinahe ständiger Unruheherd.

Auf dem Transfermarkt hat der Verein für Bewegungsspiele bisher in diesem Winter nur einmal zugeschlagen: Deutsch-Japaner Gotuko Sakai wurde bis Ende Juni 2013 von Albirex Niigata ausgeliehen. Sollte der Außenverteidiger in den anderthalb Jahren überzeugen, können die Stuttgarter ihre Kaufoption ziehen.

Ob im Angriff noch etwas passiert, kann man noch nicht voraussagen. Klar ist, dass Pavel Pogrebnyaks im Sommer auslaufender Vertrag nicht verlängert wird. Mittlerweile ist einfach klar, dass es beim Russen keine normalen Anlaufschwierigkeiten mehr sein können, sondern dass der designierte Gomez-Ersatz schlichtweg auf ganzer Linie enttäuscht hat. Daher würde man ihm am liebsten noch im Januar loswerden und wenigstens ein kleines finanzielles Trostpflaster kassieren. Pogrebnyaks Abgang wäre wohl auch die Voraussetzung für die Verpflichtung eines neuen Stürmers. Namen wie Lakic und Helmes, an dem der VfB schon vor Jahren interessiert war, sind immer wieder zu hören. Doch scheiterte die Verpflichtung des jetzigen Wolfsburgers früher an Ablöseforderungen der Kölner, scheint sich Helmes jetzt für Zweitligist Eintracht Frankfurt entschieden zu haben.

Verein und Umfeld

Kaum zu glauben: Der Trainer, der zu Beginn der Saison beim VfB Stuttgart auf der Bank saß, wird auch in der Rückrunde bis auf Weiteres dort Platz nehmen! Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Zuletzt gelang das Armin Veh nach der Meistersaison, also im Spieljahr 2007/08. Doch mit Bobic und Labbadia könnte endlich wieder eine Phase der Konstanz angebrochen sein. Nicht ganz unwichtig dafür sind mit Sicherheit die gesunkenen Erwartungen. Nach dem Titelgewinn 2007, als viele die Hoffnung hatten, die Schwaben könnten sich dauerhaft ganz oben festsetzen, hat man sich wieder erfolgreich auf Mittelmaß heruntergewirtschaftet. Mit neuer Führung und modernisierter und vergrößerter Arena kann es nun einen kleinen Neuanfang geben. Der im Sommer angetretene Präsident Gerd Mäuser hielt sich bisher weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurück.

Zurück zur Führungsrolle: Neu-Kapitän Serdar Tasci /

Etwas Unruhe brachte nur die Neuwahl des Mannschaftsrates. Zunächst einmal bestimmte Labbadia Serdar Tasci als neuen Kapitän. Das hat sicherlich auch symbolischen Charakter, um Tascis Fortschritte zu würdigen und weiter voranzutreiben. Außerdem konnte der dauerverletzte Delpierre seine Funktion schon länger nicht mehr in vollem Umfang wahrnehmen. Der Franzose behält aber seinen Platz im Mannschaftsrat – im Gegensatz zu Cacau. Dieser war über seine Abwahl nicht begeistert und bekundete seine Enttäuschung auch öffentlich. Gleichzeitig beteuerte er aber, natürlich trotzdem weiterhin alles für Mannschaft und Verein zu geben, um sich so möglicherweise seinen Platz zurückzuerkämpfen.

Die Saisonziele, Prognose

Wie bereits erwähnt haben die Stuttgarter die Saison 2011/12 im Sommer zum Übergangsjahr erklärt. Somit ist das Erreichen eines internationalen Wettbewerbes nicht offizielles Saisonziel. Nach der Hinrunde schaut es aus, als könnte man aber genau das schaffen. Mehrfach hat die Mannschaft in den 17 Spielen unter Beweis gestellt, dass sie guten Fußball spielen kann. Einzig mangelnde Kaltschnäuzigkeit und Unkonstanz sorgen zur Halbzeit für vier Punkte Rückstand auf Rang sechs. Hauptkonkurrenten um die interessanten Plätzen dürften Hannover, Leverkusen, Bremen, Gladbach und vielleicht auch noch Schalke werden, von hinten könnten weitere Teams wie der HSV oder Wolfsburg dazustoßen. Die Frage ist: Wieviele davon können die Schwaben hinter sich lassen? Damit es genügend Mannschaften werden, ist definitiv noch eine Leistungssteigerung nötig. Vor allem darf man gegen vermeintlich leichtere Gegner nicht so viele Punkte liegen lassen. Hierfür muss die Offensive produktiver werden, mit Harnik als beinahe totalem Fixpunkt des Angriffsspiels ist man zu ausrechenbar. Sprich: Spieler wie Cacau, Hajnal und Okazaki sind in der Rückrunde gefordert. Doch realistisch betrachtet scheint die Konkurrenz qualitativ und auch quantitativ besser aufgestellt. Ein Platz im gesicherten Mittelfeld erscheint daher wahrscheinlicher als die Qualifikation für Europa League oder gar Höheres.

Prognose: Platz 6-10.


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